Am Ende dürften die Präsidiumsmitglieder tief durchgeatmet haben. Bis zuletzt hatte ihr Wunschkandidat gezögert, ob er sich dieses Amt auferlegen lassen sollte. Doch dann hat sich Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, am Sonntag erwartungsgemäß zum neuen Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland wählen lassen. Einstimmig, denn bei der Wahl eines Nachfolgers von Michel Friedman, der im Juli zurückgetreten war, führte an ihm kein Weg vorbei (ZEIT Nr. 36/03).

Korns Zaudern muss zuletzt selbst guten Freunden als kapriziös erschienen sein. Doch gab es gute Gründe, sich die Übernahme dieser Verantwortung gründlich zu überlegen. Die deutschen jüdischen Gemeinden befinden sich mitten in einem Veränderungsprozess. Dabei hat es der Zentralrat nicht leicht, seine Legitimation als oberstes Repräsentationsorgan aller Strömungen im jüdischen Leben zu untermauern. Das Problem heißt Integration.

Innerhalb eines Jahrzehnts sind die jüdischen Gemeinden um das Vierfache auf jetzt 100000 Mitglieder angewachsen. Der Hauptgrund: Die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, welche die Bundesrepublik kräftig gefördert hat. Sie bekundet damit nicht nur ihren Willen, historische Schuld abzutragen, sondern auch den Wunsch, das Judentum als einen dauerhaften Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland zu etablieren. Tatsächlich erlebt die jüdische Gemeinschaft mit Gemeinden in annähernd hundert Städten seit einigen Jahren eine neue Blüte. Der schnelle Neuzuwachs bringt jedoch erhebliche praktische Schwierigkeiten mit sich. Nicht nur, dass die meisten Neuankömmlinge kein Deutsch sprechen und es trotz ihres zum Teil hohen Ausbildungsgrades schwer haben, im Arbeitsleben Anschluss zu finden. Die wenigsten von ihnen sind mit den Traditionen und Riten der jüdischen Kultur vertraut, die unter kommunistischen Verhältnissen kaum gepflegt werden konnten. Bei manchen alteingessessenen Gemeindemitgliedern machen sich Vorbehalte gegen die Neuankömmlinge breit. Ihre kulturelle und soziale Betreuung fordere den Gemeinden große finanzielle und personelle Anstrengungen ab, ist zu hören, doch für das Gemeindeleben komme von ihnen zu wenig Engagement zurück. Umgekehrt beklagen die russischen Einwanderer, dass die Gemeindevertreter auf ihre Bedürfnisse und Nöte zu wenig Rücksicht nähmen. Endlich dürfen sie ihr Judentum offen leben. Da möchten sie nicht als Erstes darüber belehrt werden, wie sich ein wahrer Jude zu verhalten habe.

In Berlin, mit 12000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde in Deutschland, bemüht sich jetzt ein Bündnis aus angestammten und neu hinzugekommenen, aus eher liberal und eher traditionalistisch orientierten Mitgliedern um einen Ausgleich der Interessen. Mit einer gemeinsamen Wahlliste haben sie bei den gerade abgehaltenen Wahlen zur Gemeindevertretung die absolute Mehrheit gewonnen. Doch nicht nur Richtungsstreitigkeiten machen der Gemeinde zu schaffen, sondern auch ein Etatdefizit von 1,4 Millionen Euro. Die siegreiche Liste Kadima ("Vorwärts") unter Führung des Rechtsanwalts Albert Meyer macht dafür die Misswirtschaft einiger Mitglieder des alten Vorstands verantwortlich. Die reden jetzt von Wahlbetrug.

Der Streit ums liebe Geld spielt auch bei einem anderen Problem, das der neuen Zentralratsführung zu schaffen machen wird, eine Hauptrolle. Die Union progressiver Juden, die sich am liberalen amerikanischen Reformjudentum orientiert, stellt den Alleinvertretungsanspruch des Zentralrats für die Interessen der jüdischen Bürger infrage. Das bedeutet auch: Er beansprucht staatliche Förderungsgelder, möglichst ohne Umweg über den Zentralrat, der im Staatsvertrag mit der Bundesregierung dazu verpflichtet hat, die jährlichen Zahlungen des Bundes (in Höhe von drei Millionen Euro) allen Richtungen im Judentum zukommen zu lassen. Aber auch Splittergruppen, die sich außerhalb der dem Zentralrat angeschlossenen Gemeinden organisiert haben, melden Ansprüche an. Im Juni erwirkte eine orthodoxe brandenburgische Gruppe beim Oberverwaltungsgericht Potsdam ein Urteil, das die Zuwendungen der Landesregierung an die offiziellen jüdischen Gemeinden für nicht rechtens erklärte (es ist inzwischen in die Berufung gegangen). Die Neutralität des Staates gebiete, argumentiert das Gericht, dass er alle Religionsgemeinschaften gleich behandeln müsse. Eine weitreichende Interpretation, die das bisherige Förderungssystem über eine Zentralinstanz infrage stellen würde.

Der Zentralrat wird sich der zunehmenden Pluralität im jüdischen Leben stärker öffnen müssen, will er seine Autorität als Vertretung aller Juden in Deutschland behaupten. Salomon Korn versprach dies nach seiner Wahl am Sonntag. Das deutsche Judentum erfindet sich derzeit neu. Ihm macht, wie anderen religiösen Gemeinschaften, die Säkularisierung zu schaffen. Seine Identitätsprobleme hat es jedoch nicht, weil es schrumpft, sondern weil es wächst.