Mit Grabesstimme verlas EU-Kommissionschef Romano Prodi am Donnnerstag Nachmittag vor den Fraktionschefs des Straßburger Parlaments seine Stellungnahme zum Eurostat-Skandal. Woher wir das wissen? Schließlich waren die Türen zum Sitzungssaal fest verschlossen, alle Teilnehmer ohne Rücksicht auf parlamentarische Anstandsregeln handverlesen und zudem zu Stillschweigen verpflichtet, das Hohe Haus in camera oscura. Aber der eine oder andere berichtete hernach halt doch, zumindest darüber, wie "die Stimmung im Saale" so war.Vierzig Minuten dauerte Prodis Rede, zweieinhalb Stunden die ganze Sitzung. Einziges Ergebnis: Der Präsident bat um Aufschub. Daraus könnte unversehens eine Galgenfrist werden. Drei Berichte lagen der Runde vor, alle vorläufig, alle belastend genug für das Management von Eurostat, der statistischen Behörde der EU-Kommission. Was zuvor schon über schwarze Kassen und Zweitbuchhaltung, fingierte Verträge und Scheinfirmen bekannt geworden war, hatte Prodis Mannschaft gewaltig unter Druck gesetzt. Wer hat da versagt? War es Neil Kinnock, zuständig für die große, jedenfalls groß angekündigte Reform der Brüsseler Behörde, der in seinem vollmundigen Eifer die schlimmen Zustände beim Luxemburger Eurostat-Amt übersehen hatte? Oder Michaele Schreyer, die deutsche Haushalts- und damit auch Kontrollkommissarin, die womöglich schlecht nachgerechnet hat oder zumindest hat nachrechnen lassen und den Eurostat-Direktoren darum viel zu spät auf die Schliche gekommen war? Hatte Pedro Solbes, dem als Wirtschaftskommissar schließlich Eurostat untersteht, Warnungen in den Wind geschlagen, sich einfach nicht gekümmert? Romano Prodi plädierte in allen Fällen auf nicht schuldig – jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt der Untersuchungen. Falls sich allerdings die Dinge anders entwickelten, sagte der Italiener, werde er selbst der erste sein, der nach Rücktritt rufe.Und so wurden in Straßburg alle Entscheidungen erst einmal vertagt, auf Januar. Ein diplomatisch gewähltes Datum. Denn bis dahin sollen nicht nur die Untersuchungen der Kommission und der Betrugsbehörde "Olaf" abgeschlossen sein, bis dahin könnte auch die Regierungskonferenz zum europäischen Verfassungsentwurf ihre Arbeit beendet haben. Kein Zweifel, in den Hauptstädten wie unter den Spitzen des Europäischen Parlaments sorgen sich zu viele, dass auch nur ein einziger Rücktritt in der Kommission die ganze Feinmechanik der europäischen Entwicklung zerschlagen könnte. Hier steht nicht einfach nur das Ansehen einer (auch ansonsten eher schwachen) Kommission auf dem Spiel, sondern wahrlich historische Werke wie EU-Erweiterung und eben die erste Verfassung für eine Union mit bald 450 Millionen Menschen.Da darf man sich doch schon mal in Geduld üben, oder? Da darf ein Prodi doch mezzo voce ein Samttuch über die aufgewühlte Stimmung unter den EU-Parlamentariern breiten, in der Hoffnung, so die spitzen Töne zu dämpfen. Aufklärung versprach der Kommissionspräsident, und "Zero tolerance" in Sachen Betrug. Man wird ihn beim Wort nehmen. Später, später. Wenn die Galgenfrist abgelaufen ist – wobei das Wort schon andeutet, dass man um harte Konsequenzen in diesem Skandal nicht herumkommen wird.