Polizeioberst Awan ist ein stolzer Mann. Die Art wie er seine Untergebenen herumkommandiert, wie er einen von oben herab zu betrachten weiß, obwohl er selbst nicht sehr groß gewachsen ist; diese Kunst beherrscht nur ein Mann, der sich selbst höher einschätzt als alle anderen."Haben sie einen Moment Zeit für mich?"Seine Antwort kommt in barschem Ton."Wir sind sehr beschäftigt, sehr beschäftigt. Das sehen Sie doch!"Er wendet sich von mir ab und schaut aufmerksam den Maurern zu, den Malern und den Schreinern. Sie renovieren Oberst Awans Polizeistation. Er lässt seine Donnerstimme ertönen, und sie beschleunigen ihre Arbeit. Sie hämmern, malen, spachteln und streichen was das Zeug hält. Der Schweiß strömt in Bächen über ihre Stirn und in ihren Gesichtern spiegelt sich Unterwürfigkeit. So groß ist Oberst Awans Autorität, so sehr fürchten sie ihn. Wohl mit Recht. Denn Oberst Awan ist in sein Amt wieder eingesetzt. Er ist wieder wer in Al Sadoun, im Herzen Bagdads. Ein Herr.Dabei war Awan erst vor wenigen Monaten über Nacht von seinem hohen Sockel ins Nichts gestürzt. US-Panzer rollten durch die Strassen Bagdads, und Oberst Awan hatte sich davongemacht, nach Hause, dem einzigen Ort, an dem er sich sicher fühlte. Ganze Horden von Plünderern fielen über die Stadt her, sie raubten, was zu rauben war und zerstörten die meisten öffentlichen Gebäude, darunter auch den Polizeiposten von Al Sadoun. Awan selbst hockte in seinem Wohnzimmer und wartete. Er wusste ja nicht, was mit ihm geschehen würde, sollte er sich hinaustrauen.Keiner hatte das allgemeine Chaos unter Kontrolle. Was sollte ein Polizist da schon ausrichten? Und was wohl würden die Amerikaner mit Oberst Awan machen, wenn sie ihn treffen? Verhaften? Schiessen? Möglich war das, denn er war ein Mitglied von Saddams Unterdrückungsapparat gewesen, ein kleines Rädchen nur, aber in Al Sadoun reichte seine Macht aus, um den Leuten Schrecken einzujagen. Alle diese Fragen konnte Oberst Awan nicht eindeutig beantworten – darum blieb er lieber in seinen vier Wänden.Es liegt mir fern, Oberst Awan zu denunzieren. Aber wie er vor mir steht, in seiner nagelneuen Uniform und einer dicken Waffe am Gürtel, wie er fast platzt vor Selbstsicherheit, denke ich mir, dass er zu Saddams Zeiten bestimmt keine netter Polizist gewesen war, kein ganz schlimmer, kein Folterer, kein Mörder, aber mit Gewissheit kein Herold der Menschenrechte.Aber das ist nun Vergangenheit. Das sagen alle, vor allem die Besatzungsmacht, die im Irak über das Wohl und Wehe eines jeden Einzelnen entscheidet. Aus, vorbei, eine neues Kapitel in der Geschichte ist aufgeschlagen. Das Land braucht jetzt Polizisten. Männer mit Erfahrung. Das ist die Botschaft der Besatzer.Oberst Awan dreht mir immer noch den Rücken zu. Ich bringe mich an seiner Seite in Position und zupfe ihn vorsichtig am Ärmel. Er dreht sich um, erstaunt darüber, dass ich immer noch hier bin."Herr Oberst, ich bin gekommen um über ihre Arbeit zu berichten!""Keine Zeit!"Ich glaube eine Spur Neugier zu bemerken."Aber Herr Oberst, Sie haben hier eine wichtige Position inne. Ich will zeigen, dass Männer wie sie dem Irak dienen.""Sie sehen doch…", weiter redet er nicht. Eitelkeit flammt in seinen Augen auf, für einen kurzen Moment nur. Ich versuche, meine Chance zu nutzen."Herr Oberst, wir wissen doch alle, dass dieses Land ohne sie keine Zukunft hat. Ich will das einer breiten Öffentlichkeit darstellen, ich will über ihren Mut berichten…"Sein Gesicht hellt sich ein wenig auf."…ihre Hingabe."Jetzt zieht er den Bauch ein."…ihre Opferbereitschaft. Die Menschen im Westen sollen Bescheid wissen. Finden Sie nicht?"Er neigt seinen Kopf zur Seite und betrachtet mich so, als zweifle er an meiner Aufrichtigkeit. Für einen kurzen Moment fürchte ich, dass er mich der Lüge überführt. Dann rückt der Kopf wieder in aufrechter Position. Oberst Awan dreht die Augen nach oben und schaut in den Himmel Bagdads. Aus seinem Mund fällt dann der Satz auf mich nieder, den ich mir erhofft habe."Kommen Sie, wir gehen nach oben. In mein Büro!"Er schreitet aus. Im Inneren des Polizeipostens treten alle zur Seite, die Uniformierten, die Maurer, die Maler, die Schreiner, einfach alle. Spontan bilden sie ein löchriges Spalier. Oberst Awan genießt seinen Auftritt und zieht mich hinter sich her wie einen leuchtenden Sternschweif.Im Oberst Awans Büro fehlen die Fenster. Die Klimaanlagen sind noch nicht installiert. Es riecht nach frischer Farbe. Eine heiße Brise weht herein. An der Stirnseite des langen, schmalen Büros stehen ein nagelneuer Schreibtisch und ein Drehsessel, der noch in Nylon verpackt ist. Oberst Awan nimmt hinter dem Schreibtisch Platz. Der Leutnant, der mit uns hochgekommen ist, weist mir einen Sessel zu, den er vom anderen Ende des Raumes heran schiebt. Oberst Awan blättert in einer Zeitung ohne aufzuschauen. Er scheint mich schon vergessen zu haben. Ich warte einige Sekunden, damit er Zeit für mich findet. Er liest weiter in der Zeitung. Das Papier raschelt. Oberst Awan streicht sich den Lippenbart. Die Sekunden vergehen endlos. Oberst Awan reagiert nicht auf mich. Ich rücke unsicher auf dem Stuhl hin und her. Schließlich stupst mich der Leutnant an und flüstert. "Fragen Sie, fragen Sie. Der Oberst hat nicht viel Zeit!"Verschreckt fange ich an."Herr Oberst…"Er schlägt eine weitere Seite der Zeitung um."Herr Oberst…", wiederhole ich und hebe dabei meine Stimme. Diesmal blickt er auf. Er schaut über mich hinweg."Herr Oberst, wie ist die Sicherheitslage in Al Sadoun?"Der Oberst faltet die Zeitung und legt sie an den Rand des Schreibtisches."Besser, sehr viel besser. Wir machen eine hervorragende Arbeit."Ein Polizist kommt herein und legt Oberst Awan ein Papier vor. Er liest es langsam durch, dann liest er es noch einmal aufmerksam und händigt es dem Polizisten mit einem knappen Befehl aus. Der verschwindet wieder."Sie haben also keine gröberen Probleme, Herr Oberst?""Wir haben Probleme, aber wir lösen sie!"Irgendwie bekomme ich das Gefühl, dass ich auf diesem Weg nicht weiterkomme. Ich beschließe, dem Gespräch eine leichte Wendung zu geben."Herr Oberst, was macht einen guten Polizisten aus?"Diesmal schaut er mir direkt in die Augen."Ein guter Polizist muss zu allererst schön und schlank sein!""Sie meinen wirklich: Schön und schlank?!""Ja, schön und schlank. Er muss ansehnlich sein, etwas darstellen. Er muss den Leuten Respekt einflössen. Schön und schlank, muss er sein. Vor allem das!"Ich wage in diesem Moment nicht an den kurzen, dicken Körper hinter dem Schreibtisch zu denken, auch sein graues, teigiges Gesicht will ich nicht anschauen."Herr Oberst", ich habe das Gefühl, meine Frage noch besser justieren zu müssen, "Herr Oberst, sie sagten, dass sie alle Problem lösen. Haben sie in der letzten Zeit Diebe verhaftet? Die Leute im Viertel klagen über steigende Kriminalität.""Letzte Woche haben wir drei Männer verhaftet. Sie haben eine Bank ausgeraubt. Einen Tag später haben wir sie verhaftet. Wir haben 50.000 Dollar an die Bank zurückbezahlt.""50.000 Dollar, das ist eine Menge Geld.""Ja, wir haben sie der Bank zurückgegeben.""Welche Bank war das?"Der Oberst streicht sein Oberlippenbart und denkt kurz nach."Es war eine private Bank!""Können sie mir den Namen nennen?"Oberst Awan und hält sich beide Handflächen gegen das Gesicht. Dann zieht er sie nach unten, die Augen richtet er gleichzeitig Richtung Decke. Er denkt nach."Eine Privatbank…", wiederholt er."Ja, ich weiß. Aber könnten Sie mir den Namen nennen?"Der Leutnant neben mir steht vom Stuhl auf und verlässt den Raum. Noch bevor der Oberst antwortet kommt er mit einem Glas Wasser wieder, das er auf den Schreibtisch stellt. Oberst Awan nippt daran. Seine Lippen schimmern nass."Eine Privatbank, sagte ich doch schon!""Ja, aber ich möchte gerne den Namen wissen.""Den Namen", er schaut wieder gerade aus, über mich hinweg, dann durch die leeren Fenster. Sein Blick schweift wieder hoch zur Decke, wo er offensichtlich immer eine Antwort vermutet, wenn ihm gerade keine einfällt."Ich habe den Namen vergessen", sagt er schließlich geradeheraus."Vergessen?""Ja, vergessen!", danach schweigt er mit verbissenem Gesicht. Der Leutnant neben mir kneift mir in den Arm und flüstert: "Sie müssen jetzt gehen, der Oberst hat wenig Zeit, sehr wenig Zeit!"Ich schüttle ihn ab."Ich kann doch nicht glauben, dass sie den Namen einer Bank vergessen haben, der sie 50.000 zurückbezahlt haben!"Der Oberst schweigt und sagt dann. "Ich habe viel zu tun!"Ich will nicht locker lassen, denn der Oberst hat jetzt mein Interesse geweckt."Sagen sie mir doch den Unterschied zwischen heute und gestern. Wie war es Polizist unter Saddam zu sein, und wie ist es heute. Hat sich was geändert?"Der Leutnant flüstert wieder. "Sie müssen jetzt wirklich gehen. Der Oberst hat keine Zeit mehr. Sie sehen doch…""Es ist alles wie früher", sagt der Oberst, "alles wie früher. Vor allem habe ich wie früher keine Zeit!"Mit einem Ruck steht er auf und bellt einen Befehl. Ein Polizist kommt rein. Ein verbeultes Gewehr hängt an seinen Schultern. Er geht auf den Obersten zu, beugt sich nieder und spricht ihm ins Ohr. Wie von der Tarantel gestochen steht Oberst Awan auf. Ich erhebe mich ebenfalls. Er betrachtet mich wieder mit seiner unnachahmlichen Art von oben herab und sagt: "Ich muss jetzt gehen. Meine Männer haben drei Waffenhändler geschnappt. Den Kopf der Bande haben wir noch nicht. Jetzt schnappen wir ihn uns!"Er schüttelt meine Hand und läuft im Eilschritt aus dem Büro. Der Polizist folgt ihm, dabei knallt das Gewehr gegen den Türrahmen. Ich höre den Oberst im Treppenhaus noch schreien. Danach bin ich mit dem Leutnant allein. Er schaut mich aus seinen großen, runden Augen an."Er ist ein viel beschäftigter Mann. Er ist ein Oberst!"