Wie dramatisch die Lage seiner Regierungsmehrheit und vor allem die seiner Partei ist, das hat Bundeskanzler Schröder dieser Tage mit einem zeitgeschichtlichen Vergleich verdeutlicht. Er wolle ja nicht "den Wehner machen", aber: Wenn es nicht gelinge, die Elemente der "Agenda 2010" mit einer eigenen Mehrheit zu verabschieden, dann sei man bald so weit wie 1982. Dann werde die SPD die Regierungsrolle verlieren und es werde so lange wie damals (damals waren es 16 Jahre) dauern, bis sie diese wieder zurück erlangen werde. Damals, 1982, hatte der seinerzeit amtierende Bundeskanzler Helmut Schmidt seiner Bundestagsfraktion vorgehalten: Es gebe nunmehr nur noch zwei Möglichkeiten – entweder tiefere Einschnitte in die Sozialleistungen ("Das geht mit Euch nicht.") oder mehr Schulden ("Das geht mit mir nicht.") Diese Einsicht der Aussichtslosigkeit war das wahre, eigentliche Ende der sozial-liberalen Koalition. Genschers Seitenwechsel lag in der Luft, er kam aber hinzu.So ernst war, so ernst ist die Lage. Aber, pardon, sie ist heute in Wirklichkeit schlimmer.Denn, erstens, dasselbe ist schon dann schlimmer, wenn es zum zweiten Male geschieht. Auch der normale Wiederholungstäter empfängt eine höhere Strafe – in der Politik ist das kaum anders. Beim zweiten Male würde es sich unmissverständlich zeigen, dass die SPD im Grunde immer noch aus zwei Parteien besteht – einer gelegentlichen Regierungs- und aus einer habituellen Oppositionspartei. Wie wenig das gut gehen kann, haben wir immer wieder, aber auch am Anfang der Regierungszeit von Gerhard Schröder gesehen: Da hatte die SPD erst einmal ihre propagandistischen, aber erkennbar unsinnigen Forderungen aus der Oppositions- und Wahlkampfzeit in Regierungspolitik umgesetzt (Beispiele: demographischer Faktor in der Rente, Karenztage in der gesetzlichen Krankenversicherung) – mit der Folge, dass der Kanzler jetzt, fünf Jahre später, achselzuckend sagt, was schon damals jeder wusste: Das war ein Fehler…Zweitens: Seit 1982 waren dies nicht die einzige Fälle der Realitätsverweigerung der SPD. Vielleicht hätte es nämlich seit 1982 nicht 16 Jahre bis zu einem Regierungswechsel dauern müssen, hätte die SPD unter ihrem Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine nicht im Wendejahr 1989/1990 in der Frage der Wiedervereinigung (gegen Willy Brandts und anderer Rat) so völlig neben der Geschichte und Verantwortung für die Nation gelegen. Es kommt da also in der längeren Sicht einiges zusammen…Drittens: Als die SPD 1982 – wie gesagt: vorwiegend aus eigener Schuld – aus der Regierungsverantwortung fiel, konnte sie sich noch hinter dem Seitenwechsel der FDP verstecken und die Volkswut über Genschers "Verrat" auf ihre parteipolitischen Mühlen lenken. Und sie startete in ihren Niedergang von einem höheren Stimmenpolster aus. Und es gab, als zusätzliche Konkurrenz noch keine Grünen im Bundestag. Dieses Mal würde die SPD aber bereits aus einem historischen Tief weiter in den Keller fallen.Mit anderen Worten: Der Kanzler hat seine Partei mit einem geschichtlichen Vergleich zu schockieren und aufzuwecken versucht. Doch in Wirklichkeit war dies fast noch eine Beschönigung der wirklichen Lage. Und die ist wirklich ernst – und sie könnte in den wirklichen Zerfall der SPD übergehen.