In der letzten Phase des kapitalistischen Zeitalters herrschen die Maschinen. Menschen sind zu bloßen Bioenergie-Lieferanten degradiert. Der Film Matrix der amerikanischen Regisseure Andy und Larry Wachowski schildert, wie die Bürger mithilfe eines perfekten Computerprogramms ruhig gestellt werden, das ihnen vorgaukelt, sie lebten ein normales Leben.

Ganz so schlimm sind die Verhältnisse in der spätkapitalistischen Bundesrepublik noch nicht. Aber mancher Funktionär der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di scheint sich in diesen Tagen doch mit dem Häuflein Rebellen zu identifizieren, das im Film ganz allein Widerstand leistet gegen die Sklavenhalter aus Draht und Chrom. Paradoxerweise muss sich dieser Widerstand, aus Sicht der Gewerkschaft, ausgerechnet gegen jene politischen Akteure richten, die man im Prinzip für Bündnispartner halten würde: den SPD-Bundeskanzler. Die rot-grüne Regierung. Die Sozialdemokratie insgesamt. Die Grünen, mehr oder weniger. Und die Medien sowieso.

Sozialabbau; Umverteilung von unten nach oben; Arbeitsmarktreformen, die Menschen zwingen, Arbeitsverhältnisse anzunehmen, von deren Entlohnung sie nicht leben können; die Etablierung einer Dreiklassenmedizin; Verwüstung der Gemeindefinanzen. Das sind die Vorwürfe, die ver.di gegen das Reformprogramm der Regierung erhebt. Man hört diese Vorwürfe in den Reden des Vorsitzenden Frank Bsirske, man liest sie in der ver.di-Mitgliederzeitschrift Publik . Beim Kaffee mit dem ver.di-Bezirkssekretär sind sie ebenso Thema wie auf der Tagung des gewerkschaftsnahen Hattinger Forums, auf der ein bayerischer Funktionär vom "härtesten Klassenkampf der letzten hundert Jahre" spricht.

"Die Arbeitnehmer, die Arbeitslosen und die Sozialhilfeempfänger bezahlen die Reformen der SPD", bilanziert die Sozialdemokratin und stellvertretende ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raane fünf Jahre Rot-Grün. "Die SPD sollte so nicht regieren", sagt Frank Bsirske. "Das Schlimmste für uns wäre, wenn die Agenda 2010 auf einmal wirklich funktionieren würde", sagt ein Bundesvorstandsmitglied, das ungenannt bleiben möchte.

Dieser Unterton der uralten Parole "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!" ist nicht zu überhören. Die wechselseitige Entfremdung geht weit. Ver.di-Mitglieder berichten von massiven SPD-Austritten in ihren Reihen, SPD-Aktive wissen von ganzen Stapeln zurückgegebener ver.di-Mitgliedskarten. "Je höher die Abstraktionsebene, desto aggressiver wird der Umgang", sagt Rainer Wend, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Bundestag. Der Sozialdemokrat ist seit 30 Jahren in der Gewerkschaft. Das bewahrt ihn nicht davor, in der Berliner ver.di-Zentrale gelegentlich als Beispiel für den neoliberalen Ungeist zitiert zu werden, der Rot-Grün erfasst habe.

Zwei Stunden mehr erlaubte Arbeit am Samstag; die Tatsache, dass sich für einen Kleinunternehmer nicht gleich der gesamte Kündigungsschutz verschärft, wenn er zu seinen fünf Beschäftigten zeitlich befristet einen sechsten einstellt; der Zwang zu Selbstversicherung für das Krankengeld (nachdem der Arbeitgeber sechs Wochen lang allein den Lohn fortgezahlt hat); selbst die Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe – all das sind gewiss keine Verbesserungen für Arbeitnehmer. Aber rechtfertigen Veränderungen von diesem Kaliber die tiefe Empörung, die bei ver.di überall zu spüren ist?

Natürlich nicht, aber so ist die Frage auch zu vordergründig gestellt. Ein ganzes Bündel von Gründen treibt die Dienstleistervertreter in die Defensive. "Es verändert sich so viel und so ausschließlich in Richtung Sozialabbau, dass wir oft gar nicht anders können, als heftig zu reagieren", sagt Sabine Groner-Weber, ver.dis politische Planungschefin. "Und dann wirkt das, also ob wir reflexartig dagegen sind." In der Tat scheint es eine Art Symmetriezwang zu geben: In dem Maße, in dem Arbeitgebervertreter und Wirtschaftspresse gebetsmühlenartig von "Stillstand" und "Krise", von "Reformstau" und dem Zwang zu "drastischen Einschnitten" reden, fühlen sich die Arbeitnehmervertreter gedrängt, in dramatisierender Rhetorik die heraufziehende "soziale Kälte" und "Ungerechtigkeit" anzuprangern. Mit der Wirklichkeit haben beide Sichtweisen nur begrenzt zu tun. "Außerdem waren nach dem Regierungswechsel 1998 viele Mitglieder enttäuscht, die gedacht hatten, jetzt muss die SPD endlich machen, was wir immer gefordert haben", sagt Jörg Dieckhoff, Chefcontroller beim ver.di-Bundesvorstand. In der Organisation herrscht immer noch eine Lagermentalität: Wir hier unten – ihr da oben. Viele ver.dianer sind zudem überzeugt, dass Verzicht auf Zuwachs bereits eine Niederlage bedeutet.

"Ich hab doch keine Lust, mir solchen Blödsinn anzuhören"