Im Herbst 1848 taucht in St. Petersburg ein junger polnischer Buchhändler auf. Intelligent, belesen und wohlerzogen, vom Haus Brockhaus in Leipzig empfohlen, ist er in die russische Hauptstadt gekommen, um die Auslandsgeschäfte der Buchhandlung Isakow zu übernehmen, die sich auf französische Literatur spezialisiert hat. Es wird nur kurze Zeit dauern, bis er zum Geschäftsführer der gesamten Firma aufsteigt. Und nur wenige Jahre später zählt er zu den großen Verlegern Russlands, ja Europas, beschäftigt 700 Arbeiter und besitzt ein Millionenvermögen. Als "epochemachend für die russische und polnische Literatur" werden ihn die Nachrufe rühmen.

Zur Welt gekommen ist BolesIaw Maurycy Wolff 1825 in Warschau. Sein Vater, ein angesehener Arzt, hätte es gern gesehen, wenn der Sohn Musiker geworden wäre (wie Maurycys ältere Geschwister Edward und Regina - Reginas Sohn, der Komponist Henryk Wieniawski, zählt heute zu den Großen der Musikgeschichte).

Aber Maurycy faszinierten seit seiner Kindheit Literatur und Sprachen.

15-jährig begann er eine Lehre bei dem Warschauer Buchhändler August Emmanuel Glücksberg. Anschließend arbeitete er drei Jahre bei Hector Bossange in Paris und eineinhalb Jahre bei Wilhelm Engelmann in Leipzig. Vorzüglich ausgebildet und neben dem Polnischen des Russischen, Französischen und Deutschen mächtig, assistierte er noch in Krakauer und Lemberger Buchhandlungen und begab sich dann in das Geschäft des alten Teofil Glücksberg nach Wilna.

In dessen Auftrag reiste er mit Bücherkisten per Pferdekutsche über litauische, wolhynische und podolische Jahrmärkte, suchte polnische Gutshöfe auf und fuhr von Minsk, Pinsk, Nowogrodek, Grodno, Kowno bis nach Berditschew und Kiew. Bei diesen Reisen lernte er nicht nur viele bedeutende polnische Schriftsteller der Zeit kennen, ihm kam auch der Bildungshunger der polnischen Intelligenz und des Adels entgegen. Er war ein gern gesehener Gast, wenn er auf gottverlassenen Gütern erschien, und seine Tagesumsätze lagen höher als später seine Wochenumsätze in der Petersburger Stadtbuchhandlung. 1848 aber machte er sich in die russische Hauptstadt auf.

Wolffs Ehrgeiz ist groß. In den wenigen freien Abendstunden, die ihm bei Isakow bleiben, versucht sich der junge Buchhändler als Verleger und lässt die bedeutendste polnische Literatur der Zeit quasi nebenbei drucken. Seit 1795 ist Polen von der Landkarte Europas verschwunden, Preußen, Russland und Österreich haben es unter sich aufgeteilt. Das "Königreich Polen", das der Wiener Kongress nach den Napoleonischen Kriegen geschaffen hat, ist nur nominell ein eigenes Staatsgebilde: Die polnische Krone trägt der Zar. Nach dem gescheiterten Aufstand 1830/31 hat Nikolaus I. den polnischen Reichstag, die Armee und die Finanzverwaltung auflösen, die Universitäten Warschau und Wilna schließen, 3000 Güter konfiszieren und häufig Russen übereignen lassen.

45 000 Kleinadelsfamilien müssen nach Sibirien oder in den Kaukasus umsiedeln. Das gesamte Geistesleben wird unterdrückt. 9000 Adlige, Künstler, Wissenschaftler und Politiker emigrieren nach Paris, auch Polens berühmtester Dichter Adam Mickiewicz.