Am 14. Februar 1946 erhalten im luftkriegszerstörten Hamburg vier Herren mittleren Alters von der britischen Militärregierung die Lizenz, eine Wochenzeitung herauszugeben, welche DIE ZEIT heißen soll, darunter auch der noch nicht ganz vierzigjährige Rechtsanwalt Gerd Bucerius. Schon eine Woche später erscheint die erste Nummer, acht Seiten stark, zusammengeschrieben im bombenbeschädigten Pressehaus in der Innenstadt am Speersort, in einem ungeheizten Zimmer, beim dünnen Schein selbst gebastelter Petroleumlampen.

Der Zwergredaktion gehören anfangs nur zwei Journalisten an; am 1. März stößt Marion Gräfin Dönhoff hinzu, drei Jahre jünger als Bucerius, eine Volkswirtin, die während des Krieges ihre ostpreußischen Familiengüter verwaltet hat. In Nummer 5 der ZEIT stellt sie sich den Lesern mit ihren ersten beiden Artikeln vor. Der eine gilt dem Totengedenken 1946. Der andere ist eine schnörkellose, nur eine Zeitungsspalte lange, doch ungemein bewegende Schilderung ihrer Flucht zu Pferde: Ritt gen Westen.

Es soll noch einige Jahre dauern bis Bucerius sich die ungeteilte Herrschaft über den Zeitverlag erstritten hat. Schroffe persönliche Differenzen zwischen den Gesellschaftern führen immer wieder vor Gericht. Die verschiedenen Verfahren enden im März 1957 mit einem Schiedsspruch, der Bucerius zum Alleineigentümer macht. Marion Gräfin Dönhoff hält sich in den frühen Phasen der Auseinandersetzung bedeckt, unterstützt Bucerius später jedoch rückhaltlos in seinem Kampf gegen den rechten Chefredakteur Richard Tüngel. Über den NS-Juristen Carl Schmitt kommt es zum Bruch. Im Juli 1954 veröffentlicht Tüngel entgegen der Warnung der Gräfin – "Wenn Carl Schmitt jemals in der ZEIT schreibt, bin ich nicht mehr da" – ein Manuskript Schmitts; daraufhin räumt sie wortlos ihren Schreibtisch und geht. Erst berichtet sie für die Welt aus den Vereinigten Staaten. Danach verbringt sie ein halbes Jahr beim Observer in London. Als Tüngel im Sommer 1955 schließlich Hausverbot erhält, ruft Bucerius sie nach Hamburg zurück und betraut sie mit der Leitung des politischen Ressorts.

Eine Nackte auf Seite 3 – "Das waren noch Zeiten!"

Damals begann jene kühle und zugleich intensive Partnerschaft, die der Schlüssel zum Erfolg der ZEIT wurde. Sie hielt, allen Spannungen zum Trotz, viele Jahrzehnte lang. Zwei unterschiedlichere Charaktere ließen sich kaum denken. Bucerius war – in den Worten seines Biografen Ralf Dahrendorf – sprunghaft, spontan, stark emotional. Einen unruhigen Geist, den Geist der Unruhe, nannte ihn Josef Müller-Marein, der erste ZEIT- Chefredakteur nach den Wirren des Anfangsjahrzehnts. Viele empfanden Bucerius als genialisch irrlichternden Kopf. Einmal sagte er über einen anderen Verleger: "Er war zu stur, er wollte immer nur nach dem Kompaß segeln. Wir sind aber doch alle ein bißchen verrückt. Jeder von uns hat einen Spleen. Wir setzen uns ein für manches Unvernünftige, und wir verachten viel Vernünftiges. So sind wir halt. Nur so kann man Zeitung machen. Viel Intelligenz braucht man dazu, viel Fleiß auch, aber das wichtigste ist doch viel Glück."

Ein Teil seines Glücks war Marion Dönhoff. Sie, so ganz anders geartet als er, hatte vieles, was ihm fehlte: Ausdauer, Stetigkeit, vorwärts drängende Geradlinigkeit. Von modischen Zerstreuungen ließ sie sich nicht verführen, und sie blieb unbeirrt widerständig gegen alles Bloß-Kommerzielle. Eines freilich verband den Prinzipal und seine Prinzipalin: ihrer beider bohrende Hartnäckigkeit. Und gerade, weil sie sich so sehr unterschieden, ergänzten sie sich vortrefflich – Komplementärgrößen in dauernder Konfrontation.

Bucerius hatte zunächst vieles andere im Kopf. Noch betrieb er ein Anwaltsbüro. Im gleichen Monat, in dem die ZEIT ins Leben trat, wurde er zum Bausenator der Freien und Hansestadt Hamburg ernannt. Bis zu den ersten Bürgerschaftswahlen versah er neun Monate lang dieses Amt. Mitte 1946 war er der CDU beigetreten; im August 1949 zog er als Abgeordneter in den Bundestag ein. Dem Bonner Parlament gehörte er an, bis er sich 1962 mit seiner Partei überwarf. Er legte sein Mandat nieder und trat aus der CDU aus, nachdem diese von ihm verlangt hatte, er solle sich von einem im stern (der zu 87,5 Prozent ihm gehörte) erschienenen Artikel – Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer? – distanzieren.

An diesem Fall wird ein weiterer Grundzug seines Wesens deutlich: sein Drang zur Unabhängigkeit, auch wo sie ihm das Leben schwer machte. Im Jahre 1973 tauschte Bucerius seine stern- Anteile gegen 10,7 Prozent am Bertelsmann Verlag. Von da an war die ZEIT sein Lebensinhalt.