Das Sternenbanner brennt. Stars und Stripes lodern im Feuer auf. Dann ist die amerikanische Flagge nur noch Asche in der Tonne – wie in den Fernsehberichten aus dem Nahen Osten. Doch wir sind nicht in der Wüste, dies ist Hoboken, New Jersey, USA. Durch den Nieselregen kann man auf der anderen Seite des Flusses New York erkennen. Und die Männer, die sich an diesem Tag Feuer auf die Fahnen geschrieben haben, sind keine wütenden Demonstranten. Sie sind Veteranen und im normalen Leben Postbeamte oder Rentner. Und heute sind sie Bestatter. Flaggenbestatter.

Wenn eine amerikanische Flagge alt und grau wird, wird sie nicht weggeworfen; sie wird bestattet. Das verlangt das Gesetz. Im ganzen Land sind es Männer wie diese in Vereinen wie dem Elks Club, die Sammelcontainer aufstellen, alte Fahnen sammeln und sie beisetzen. Ray ist der Chef hier, und er hat in seinem Leben schon mehr für die amerikanische Fahne getan. Ray hat sie "verteidigt", an einem Strand in der Normandie und später in Aachen. Der Kampf hat ihn viel gekostet. "Kein Walzer mehr für mich", scherzt er. Das linke Bein zieht er immer noch nach. Ray zeigt hinüber zur Skyline von New York, zu dem Loch, das die Terroristen vor zwei Jahren in sie gerissen haben. "Seit damals kriegen wir immer mehr Flaggen. Und mit dem Irak-Krieg sind es noch mehr geworden." Etwa 1000 Stück haben Rays Männer in zehn Monaten gesammelt – zu viele, um sie alle am offiziellen Flag Day, dem 14. Juni, zu verbrennen. Deswegen gibt es heute diese Sonderbestattung.

Ray hat sein Bestes gegeben, um die Pfadfinder zu ersetzen, die sonst immer da sind, die Lieder und die Trompetenfanfare. Feierlich hat er das Feuerzeug gezückt, die erste Flagge hochgehalten und deklamiert: "Diese Flaggen haben ehrenvoll der Brüderlichkeit gedient, der diese Nation unter Gott geweiht ist. Im Namen der brüderlichen Liebe präsentiere ich diese Flaggen." Die anderen haben ihre Baseballkappen abgenommen und geschwiegen, während Ray von Einigkeit sprach und Stärke, von Nation und von Ehre. Die Flagge bedeutet mehr als nur ein Stück Stoff.

Warum sie so viel bedeutet, hat sich auch Robert Justin Goldstein, Professor an der Oakland University, gefragt. Auf der Suche nach Antworten hat er sich bis zur ersten Fahne aus dem Bürgerkrieg durchgearbeitet und herausgefunden, dass sie ein Produkt der Politik ist. Geschaffen, um das Volk in schweren Zeiten zu einen, als Symbol nicht nur des Landes, sondern auch seiner Ideale. Als ein beinah religiöses Symbol steht sie heute für das, worauf sich Amerika gegründet hat: life, liberty and the pursuit of happiness. Wer die Nationalhymne singt, besingt die Schönheit des Sternenbanners. Wer hier einwandert, der schwört nicht Treue zur Verfassung, sondern zur Flagge. Und etwas, dem man die Treue geschworen hat, wirft man nachher nicht auf den Müll. Das bestattet man.

Das versteht aber nicht jeder. Eine Gruppe Jungen auf Rollerskates fährt vorbei. Sie schreien "Peace freaks!" und "Verräter!". Ray tritt auf den Plan und beantwortet ihre Fragen. "Warum verbrennt ihr unsere Flagge?" – "Weil das die einzige Art ist, sie angemessen zur Ruhe zu betten." Zu wenige Amerikaner wissen Bescheid über ihre Flagge. Und das, obwohl sie es in den meisten Bundesstaaten in der Schule lernen sollten, im Fach "Patriotische Erziehung". Doch gegen die Unwissenheit gibt es Initiativen wie die National Flag Foundation, die multimedial Bürgerkunde vermittelt. Das heißt dann "Programm Junge Patrioten" und erklärt zum Beispiel, dass die 13 roten und weißen Streifen für die ersten Mitglieder der Union stehen. Und für Erwachsene mit Nachhilfebedarf gibt es das Handbuch des Patrioten von Caroline Kennedy, eben erschienen und schon auf der Bestsellerliste.

Ray und seine Mannen haben nicht nur gegen Ignoranz zu kämpfen. Gerade erst haben Unbekannte Feuer gelegt, an einen Sammelcontainer voller Flaggen. Ray hat an die Lokalzeitung geschrieben, um Hilfe bei der Aufklärung gebeten und auf dem Kanister eine Botschaft angebracht "an die, die die Fahnen verbrannt haben": "Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass ihr in Amerika lebt, in anderen Ländern würdet ihr dafür gehängt."

Doch auch in den USA könnte Flaggenschändung bald strafbar sein. Das Repräsentantenhaus hat diesen Juni den entsprechenden Verfassungszusatz genehmigt; jetzt steht die Entscheidung im Senat an. Es soll zwar nicht gleich der Tod darauf stehen. Aber Befürworter des Verbots erinnern gern daran, dass das immerhin im Bürgerkrieg so war – und Tradition ist Tradition. Aber es sieht schlecht aus für die Flaggen-Hardliner. Feuerlegen bleibt wahrscheinlich weiterhin eine Meinungsäußerung. Schon viermal ist diese Gesetzesänderung in den vergangenen Jahren gescheitert. Es trotzdem zu versuchen ist ein Ritual, wie es rund um die Flagge so viele gibt. Ein Ritual schon deshalb, weil es eigentlich nichts gibt, das nach einem Gesetz schreit. Nach einer Schätzung der Flag Foundation sind auf amerikanischem Boden seit den sechziger Jahren nur etwa 100 Flaggen entehrt worden. Doch Statistiken zählen hier nicht. Hier geht es um Symbole. Was man der Flagge tut, das tut man den Menschen, für die sie steht.

Für Ray gilt das nicht nur für Amerika: "Wir hatten auch schon mal eine finnische Flagge. Wir nehmen eigentlich alles, was die Leute uns geben", sagt er und wirft eine israelische Fahne ins Feuer. Wem sein Schwarz-Rot-Gold zu ausgebleicht ist, der soll es nur rüberschicken – zu Händen von Ray Eulbik, Elks Club, 1007 Washington Street, 07030 New Jersey, USA. Ray wird sich darum kümmern. "Flagge ist Flagge. Und Respekt ist Respekt."