die zeit: Gab es Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben, ob Sie diesen Film überhaupt fertig kriegen? Es muss eine monumentale Anstrengung gewesen sein.

Quentin Tarantino: Für mich klingt das so wie: Glückwunsch zur Besteigung des Mount Everest.

zeit: Inzwischen sind nach achtmonatigen Dreharbeiten in China, Japan und den USA sogar zwei Mount Everests daraus geworden.

Tarantino: Stimmt, das Bergsteigen ist noch lange nicht vorbei. Von Kill Bill, Teil zwei, haben wir noch nicht mal die Hälfte geschnitten. Zu dieser Arbeit muss ich gleich zurück.

zeit: Das Samurai-Epos Kill Bill ist Ihr vierter Film, worauf Sie im Vorspann ausdrücklich hinweisen. Obwohl schon Reservoir Dogs, Pulp Fiction und Jackie Brown randvoll waren mit Zitaten und Anspielungen auf andere Filme, scheinen Sie diesmal noch einen Schritt weitergegangen zu sein.

Tarantino: In Pulp Fiction oder Jackie Brown gab es mehr oder weniger realistische Szenen und Charaktere. Ich habe mich oft gefragt, welche Filme sich diese Figuren im Kino angucken würden. Es wären Filme, die in einer absoluten Filmwelt spielen. Kill Bill ist mein erster Film, der vollständig in dieser Filmwelt spielt.

zeit: Kill Bill ist ein Film über Filme?

Tarantino: Ja. Es bedeutet aber noch viel mehr. Kill Bill ist zunächst mal ein Frankenstein-Monster, das ich aus meinen eigenen Interessen und Kino-Obsessionen geschaffen habe. Ich will die Leute mit der Action-Unterhaltung, mit der ich aufgewachsen bin, begeistern. Es ist eine Greatest-Hits-Sammlung. Wie in einem Rockkonzert wird alles voll aufgedreht bis zu einem gigantischen Höhepunkt.

zeit: Während man Uma Thurman als Killerin durch bluttriefende Säbelgefechte folgt, sind die Gesetze der Logik, Schwerkraft und Plausibilität weitgehend außer Kraft gesetzt. Das eröffnet natürlich große Möglichkeiten, führt aber auch zu Schwierigkeiten.

Tarantino: Was denn für Schwierigkeiten?

zeit: Es entsteht zum Beispiel eine gewisse Kälte, da die Figuren auf nichts mehr verweisen und pure Konstruktion sind. Das war in Pulp Fiction anders: Als Vincent, von John Travolta gespielt, abgeknallt wurde, trauerte man ihm durchaus nach. In Kill Bill hingegen erwartet man von vornherein, dass alle Beteiligten eines mehr oder weniger grotesken Todes sterben. Das Mitgefühl hält sich in Grenzen – zumal ja alle Opfer ihrerseits auch eiskalte Killer sind.

Tarantino: Kann sein, aber für einen Film, der so sehr auf seiner Vorhersehbarkeit beruht, ist Kill Bill ziemlich unberechenbar. Das Fundament, die Struktur, die Bestandteile sind vorhersehbar. Alles andere ist völlig offen. Und selbst die Dinge, die eigentlich vorhersehbar sind, werden dermaßen auf die Spitze getrieben, dass sie auch schon wieder überraschend sind. Zum Beispiel: In einer Szene kämpft Uma Thurman, „die Braut“, gegen Vivica Fox. Deren kleine Tochter taucht auf. Uma wird ihre Feindin nicht vor den Augen der Tochter umbringen. Nun könnten sie sich natürlich weiterprügeln, und Vivica könnte unglücklich auf einem Messer landen. Die Böse wäre tot, es wäre aber nicht wirklich die Schuld der Guten… Ich hasse so was! Ich hasse es! Wenn ein Regisseur so was macht, würde ich ihn sofort ins Kinogefängnis schicken. Wenn jemand Rache nehmen soll, dann richtig! Solche halbgaren Sachen passieren immer dann, wenn alle möglichen Leute in einen Film reinquatschen und sagen, wir müssen die Hauptdarsteller sympathischer machen.

zeit: Sympathisch ist in Kill Bill tatsächlich niemand.

Tarantino: Auch die Hauptfigur nicht. Uma Thurman spielt eine Heldin der Rache, eine Auftragskillerin, die von ihrem Boss verraten wird. Hochschwanger wird sie am Tag ihrer Hochzeit niedergestreckt und fällt ins Koma. Nach fünf Jahren erwacht sie und startet einen gnadenlosen Rachefeldzug. Man könnte sagen: Eine Racheheldin ist ein Widerspruch in sich. Rache ist nicht unbedingt heldenhaft. Rache kann sehr aufregend sein, extrem fies, unterhaltsam. Aber eigentlich ist Rache doch irgendwie hässlich.

zeit: Die Frage, ob Rache gut oder schlecht ist, stellt sich in Ihrer hermetischen Filmwelt aber nicht. Dass auf erlebtes Unrecht nur mit vernichtender Vergeltung reagiert werden kann, ist dort unumstößliches Gesetz. Schon gar nicht wird überlegt, ob Gewalt gut oder schlecht ist.

Tarantino: Über einen solchen Quatsch redet man in einem Samurai-Film natürlich niemals. Auch in einem Spaghetti-Western würde das den Leuten nie einfallen. Gewalt wird als etwas Gegebenes angesehen. Sie ist der Grund, warum wir hier sind.

zeit: Gibt es deshalb im Gegensatz zu Ihren früheren Filmen so wenig Dialog in Kill Bill? Um die Inszenierung der reinen Gewalt nicht zu stören?

Tarantino: Natürlich liebe ich gute Dialoge, es gibt hier nur nicht so viel davon wie früher. Und die Hälfte davon ist auf Japanisch. Die Figuren in diesem Film formulieren keine Philosophie, die uns auf ihre Seite zieht. Sie reden überhaupt nicht, wenn es nichts zu sagen gibt. Ich würde die Reinheit der Konstruktion nicht durchbrechen, nur um mehr Dialoge unterzubringen. Ich halte mich da an den Satz, den Eli Wallach in Leones The Good, The Bad and The Ugly spricht: „When it’s time to fight, don’t talk – shoot!“

zeit: Als Motto haben Sie Kill Bill vorangestellt: „Rache wird am besten kalt serviert.“ Im Film wird dann tatsächlich jede Menge Rache kalt verabreicht. Die Hass- und Rachegefühle werden allerdings nur behauptet, nicht in emotionalen Ausbrüchen vorgeführt.

Tarantino: Stimmt, das gibt’s nur an einer Stelle: als Uma Thurman aus dem Koma aufwacht und feststellt, dass sie ihr Kind verloren hat. Das ist eine herzzerreißende Szene, die einen hoffentlich durch den restlichen Film verfolgt. Es gibt schon viele Filme über Mutterliebe. Hier geht’s um die Wut einer Mutter!

zeit: Ihre Filmwelt ist das Gegenteil einer Hollywood-Traumwelt. Es ist kein Ort, an dem man gern leben würde.

Tarantino: Darüber habe ich viel nachgedacht. Es ist anders als in Woody Allens Purple Rose of Cairo, wo man so schön durch die Leinwand in den Film hinein- und aus dem Film heraussteigen kann. Eine Filmwelt, in die man garantiert nie und nimmer seinen Fuß setzen möchte, sind die Kung-Fu-Filme der von mir bewunderten Shaw-Brothers. Da wird beinahe nonstop gekämpft. Genauso wenig würde man in einen Spaghetti-Western hineinspazieren wollen. Das sind wirklich harte, brutale Welten.

zeit: Nach einer Stunde in der Kill Bill- Welt sehnt man sich nach einer Welt ohne Säbel.

Tarantino: Toll! Vielen Dank! Nichts ist mir lieber als das. Es ist eine tolle Sache, wenn man im Kino sitzt und bombardiert wird und sich darin verlieren kann. Viel zu oft sitzt man da, und es rieseln so ein paar flüchtige Bilder an einem vorbei. Ich will, dass man im Kino richtig was erlebt. Dass man hinterher auf die Straße geht und es eine Weile dauert, bis die Kill Bill- Welt verdunstet. Dass man rauskommt und sagt: Gott sei Dank!

zeit: Im großen Finale von Teil eins werden in einem rekordverdächtigen Gemetzel rund hundert Leute erstochen, verstümmelt, geköpft. Aus allen Filmen, die Sie beeinflusst haben, haben Sie vor allem eines herausdestilliert: brutale Waffengewalt. Nun ließen sich ja noch andere Essenzen denken: große Gefühle, überwältigende Bilder, Charakterstudien, was auch immer. Ist Kill Bill eine von vielen denkbaren Filmwelten – oder ist für Sie die Filmwelt völlig durch Gewalt definiert?

Tarantino: Ich glaube, da ist was dran. Bei manchen Filmen denkt man vielleicht nicht als Erstes an die Gewalt, aber sie ist immer da. Selbst in einem so harmlosen Zeichentrickfilm wie Fantasia steckt Gewalt. Viele Disney-Cartoons haben heftige emotionale und physische Gewalt, so haben wir sie alle als Kinder erlebt. Sie steckt auch im Melodrama, einem meiner liebsten Genres. In Magnificent Obsession von Douglas Sirk wird zwar nicht mit Pistolen geschossen, aber Jane Wyman wird von einem Auto angefahren, danach hält Rock Hudson sie in seinen Armen. Das ist ein opernhafter Moment der Gewalt.

zeit: Viele Action-Filme wurden nach den Anschlägen vom 11. September verschoben oder ganz zurückgezogen. Es wurde allgemein angenommen, dass es Kriegs- und Gewaltfilme in absehbarer Zeit sehr schwer haben würden. Das Gegenteil scheint nun der Fall zu sein.

Tarantino: Na ja, es hat schon eine ganze Weile gedauert. Ich finde zwar nicht, dass schon wieder besonders viele Gewaltfilme herausgekommen sind, aber es gibt sie wieder. Bad Boys II ist ziemlich extrem und Kill Bill natürlich auch.

zeit: All die Fernsehberichte über den 11. September und den Irak-Krieg haben Ihren Appetit auf Blut und Gemetzel kein bisschen beeinträchtigt?

Tarantino: Nein. Aber es ist sicher etwas schwieriger geworden, in Amerika einen Film darüber zu drehen, wie jemand ein Haus in die Luft jagt.

zeit: Für Sie liegen die Bilder realer Gewalt in einer völlig anderen Sphäre?

Tarantino: Ja.

zeit: Gibt es überhaupt keine Verbindung zur ästhetischen Erfahrung in der Filmwelt?

Tarantino: Überhaupt keine. Oder doch, vielleicht diese eine: Als man im Fernsehen sah, wie die beiden Flugzeuge in die Türme flogen, fiel jedem sofort auf, wie sehr das nach einem Kinofilm aussah. Es sah aus wie ein großer Joel-Silver-Film.

zeit: Und diese Erfahrung hatte keine Auswirkungen auf Ihre Filmwelt?

Tarantino: Nein, das alles hat nicht das Geringste mit meiner Kunst zu tun.