Wenn Christa Wolf nur halb so krank und traurig wäre, wie ihr nachgesagt wird, müsste sie längst gestorben sein. Seit einem halben Jahrhundert beklagt sich die Literaturkritik nun über die mangelnde Fröhlichkeit dieser Schriftstellerin. Kritiker jeglicher Konfession haben in die Jeremiade eingestimmt, aber nie konnten sie sich einig werden, wo das Unbehagen (und welches: das der Autorin oder das an der Autorin) seine Ursache hätte. Also kaprizierte man sich auf die Symptome und fand bereits im Geteilten Himmel die Helden nicht positiv genug. An Nachdenken über Christa T. schalt man die Art der Vergangenheitsbetrachtung rückwärts gewandt, an Kindheitsmuster monierte man die Rigorosität, mit der die Erzählerin den Zweifel zum Darstellungsprinzip erhob, und ihre zunehmende Sympathie für selbstmörderische Figuren (Kleist, Günderrode, Kassandra) brachte ihr noch schärferen Tadel ein. Doch unbelehrbar schrieb sie weiter von Störfällen, Krankheit, Bedrohung. Ihr neues Buch trägt nun den behaglichen Titel Ein Tag im Jahr und ist ein Diarium in Sprüngen. Jeweils nach Jahresfrist begegnen wir der Autorin, was wäre verheißungsvoller: die vergangenen 365 Tage hat man bewältigt, die Zukunft beginnt erst morgen, dazwischen kann sich alles zum Guten wenden. Geschichtslosigkeit war jedoch Christa Wolfs Sache noch nie, den heutigen Tag betrachtet sie seit jeher nur als letzten Tag der Vergangenheit und gleichzeitig, so steht es im Tagebuch, als ersten Tag vom Rest des Lebens.

Einerseits Recherche, andererseits Propaganda

Lange kamen die Klagen über Christa Wolfs zur Schwermut tendierende Ernsthaftigkeit vor allem von der DDR-Literaturkritik, im Westen verstand man ihre Melancholie gern so, wie es einem halt passte, als ein Kranken am System. Dann brach das System zusammen, ohne dass die Autorin froher geworden wäre. Im Gegenteil. Jetzt herrschte Freiheit, und was tat Christa Wolf? Sie schrieb einen Roman über Medea, gefangen zwischen widerstreitenden Gefühlen, gebeutelt von unbesiegbaren Mächten, eine Frau, die mit dem Argonautenschiff in die Zukunft aufbrach und schließlich ihre eigenen Kinder ermordete. "Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, in die ich passen würde."

Weil sie im Kapitalismus fast noch ein wenig missvergnügter wurde, hat man sie nachträglich der "Identifikation" mit dem Staatssozialismus bezichtigt, eine Anschuldigung, auf die zuvor, komischerweise, selten jemand verfallen war. Aber nun hielt sie im November 1989 jene fatale Verteidungsrede Für unser Land, seither wollte man ihr nicht länger glauben, dass eine in der DDR arrivierte Schriftstellerin an ebendieser DDR gelitten haben könnte. Christa Wolf hatte ja den entscheidenden Beweis für die Echtheit ihrer Schmerzen nicht erbracht: Sie war weder in den Westen noch in die innere Emigration gegangen. Ihre Kritiker vergaßen jedoch, dass dies für die redliche Durchführung der intellektuellen Biografie Christa Wolfs gar nicht nötig gewesen war, denn (und davon handeln all ihre Bücher) Identifikation war etwas, wozu sie tatsächlich nicht in der Lage war: mit sich in Übereinstimmung sein, geschweige denn mit anderen. Das gerade versuchten doch ihre Figuren vergeblich, ja bis zur Verzweiflung. Auch davon berichtet ihr Tagebuch: wie sich die Schriftstellerin unablässig damit quält, was dieses verfluchte Ich eigentlich sei. Sie kann natürlich nicht dahinterkommen, denn dafür müsste es im Verlauf des Denkaktes immer dasselbe sein, dafür müsste der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt als überwindbar gedacht werden.

Aufgrund ihres Skeptizismus bestand von Anfang an ein schwerwiegender Interessenkonflikt zwischen Christa Wolf und der marxistisch-leninistischen Geschichtsphilosophie samt deren angeschlossenen Instituten, etwa dem Ministerium für Kultur. Die Schriftstellerin fühlte sich berufen, etwas in Erfahrung zu bringen, offiziell war ihr jedoch die Rolle zugedacht, Wahrheiten in stilistisch ansprechender Weise zu reproduzieren. Einerseits Recherche, andererseits Propaganda: Krasser könnte die Diskrepanz der beiden Anliegen nicht zutage treten als im Vergleich zwischen Christa Wolfs rechtschaffener Dokumentation Ein Tag im Jahr und dem pseudodokumentarischen Projekt, das ihr die Idee lieferte.

1936 hatte Maxim Gorkij seine sowjetischen Schriftstellerkollegen aufgerufen, anhand der Beschreibung eines Tages den Querschnitt durch das politische Leben der Gegenwart zu ziehen. 1960 initiierte die Moskauer Parteizeitung Iswestija ein weiteres solches Protokoll, diesmal über den 27. September 1960, nur waren kaum noch Schriftsteller beteiligt. Unter dem Titel Djen Mira ("Tag der Welt" oder "Tag des Friedens") fertigten die zuständigen Redakteure ein illustriertes Agitationsbuch an, in dem sie freche Lügen über sozialistische Erfolge mit Halbwahrheiten über den Klassenfeind vermischten. Das Kapitel DDR besteht hauptsächlich aus peinlichen Reportageschnipseln: gut gelaunte Bauarbeiter, nette Polizisten, fröhliche Kindergartenkinder.

Auch in Christa Wolfs Tagebuch kommen fröhliche Kinder vor, aber nicht als Beweis für ein Gelingen. Christa Wolf hat, ganz privat, Gorkijs Idee ernst genommen und sich Rechenschaft über ihr Leben abgelegt, erstmals am 27. September 1960 und dann jedes Jahr wieder. Sie erzählt, wie sie aufsteht, ihren Töchtern Schulbrote schmiert, Einkäufe erledigt und wie schwierig es ist, vor der Familie an den Schreibtisch zu flüchten. Zum Glück hat sie ihren Mann Gerhard Wolf, der, selbst Verleger und Publizist, ihr mit geduldiger Heiterkeit den Weg zur eigentlichen Arbeit ebnet. Christa Wolf berichtet von all dem mit gelinder Wärme und großer Diskretion. Diskret schildert sie ihre Schmerzen, ihre Schreibblockaden, ihre Angst vorm Altern – nie erlaubt sie sich dabei den Klageton des Apokalyptikers, nie heulendes Elend. Dafür ist sie viel zu reflektiert. Ganze vierzig Jahre lang bewahrt sie Haltung. Beiläufig sagt sie: "Ich muss es schaffen, mich so gut zu fühlen, wie es mir geht." Ihren Mann lässt sie, an anderer Stelle, sagen: "Kranksein ist blöd."

"Ich bin nicht ich. Du bist nicht du. Wer ist wir?"