Vom Denken hatten sie ein für alle Mal genug. Architekten wollten reden, zeichnen, bauen und verschont bleiben von aller Tiefgründelei. Wer sich dennoch ans theoretische Konstruieren wagte, der fand sich früher oder später im Wolkenkuckucksheim wieder, auf einer Internet-Seite gleichen Namens, die mit verwegener Langmut das Denken propagiert und dem Sein und Sollen der Architektur nachspürt.

Natürlich gibt es Gründe dafür, dass diese Netzphilosophen, zusammengehalten vom Cottbusser Professor Eduard Führ, für lange Zeit fast die einzigen Rufer in der Theoriewüste waren: Viele Jahrzehnte hatte die Architektenschaft mit heißem Herzen für Neues Bauen und eine gerechte Gesellschaft gefochten, hatte Manifeste auf Traktate auf soziologische Studien getürmt und am Ende festgestellt, dass bei allem guten Meinen nur wenig gute Architektur herauskam. So gerieten die Utopien aus der Mode und mit ihnen der Drang, sich über das eigenen Tun auch Rechenschaft abzulegen.

Umso erstaunlicher, dass nun gleich vier neue dickleibige Theoriebände vorliegen, allesamt Anthologien, erschienen binnen eines Jahres. Das mag Zufall sein, es kann einem aber auch so vorkommen wie der Wiedereinzug des Denkens in die Architektur. Zumindest wecken alle vier Bücher, so unterschiedlich sie auch sind, die Lust am Quer- und Festlesen, sie laden ein, sich in die Geistesgeschichte des Bauens zu versenken und das Neue im Spiegel des Alten zu betrachten.

Der vom Architekturprofessor Fritz Neumeyer herausgegebene Band blickt tief in die Urgründe der Theorie. Wer diesem Blick folgt, wer sich auf eine Begegnung mit den Baumeistern und Baudenkern Vitruv, Alberti oder Palladio einlässt, stellt erstaunt fest, dass Philosophie und Architektur ähnlichen Antrieben folgen, dass beide darauf aus sind, ein allmächtiges Weltgebäude zu errichten, ein Sinngerüst für das Sein. Dieser Sinn lag lange in Gott, dem Überarchitekten, sein Bauplan war zu entdecken und in Menschenwerk zu übersetzen. Man träumte von Vernunft und fand sie etwa in der Säulenordnung, die allem einen festen Platz bot.

Mehr und mehr aber machte sich der Mensch selbst zum Maßstab, und bereits im 18. Jahrhundert brach ein Streit darüber aus, wie verbindlich denn die Idealregeln des Bauens eigentlich sein dürften. Man erkannte, dass die Schönheit nicht in den Dingen selbst liegt, sondern diese erst in unseren Augen als schön erscheinen.

Die Schöpfung war nichts Bindendes, nichts Unantastbares mehr, und so konnte der Architekt zum Schöpfer aufsteigen. Wie die Revolutionäre auf die Barrikaden gingen und von einer neuen Gesellschaft träumten, so wurde in der Baukunst alles Unumstößliche umgestoßen. Die Architekten lösten sich von der klassischen Säulenordnung und entwarfen großartige, oft giganteske Utopien. Baumeister wie Étienne-Louis Boullée verstanden sich als Erzieher und Retter der Menschheit. Die Ästhetik galt als läuternde Kraft, lange bevor die Avantgarden des 20. Jahrhunderts ihre Heilsfantasien entwarfen.

Neumeyer sind solche Beglückungsszenarien zwar suspekt; in seinem Einleitungsaufsatz gönnt er der sozialen und politischen Dimension der Architektur nur wenig Raum. Gleichwohl ist auch er fasziniert von der Macht des Bauens. Schon im frühen 19. Jahrhundert, so führt uns Neumeyer vor, entwickelt sich so etwas wie eine Einfühlungstheorie und Wirkungsäshetik, und spätestens mit dem Kunsthistoriker August Schmarsow gehört die Frage, wie die Architektur zu "Ausweitung und Aufschwung unserer Seele" beitragen kann, zum Kerngeschäft der Theoretiker.