In Deutschland ist Albert Mangelsdorff wie Berti Vogts. So volkstümlich, dass man den Nachnamen zärtlich weglässt. Der Albert. Der Berti. Endlich! Der Jazz ist aus seiner Besenkammer herausgetreten. Das ist erstaunlich, denn Mangelsdorffs Musik ist nun wirklich kein Massenphänomen wie einst die von Louis Armstrong. Aber beide gehören in die Abteilung "dem möcht ich mal guten Tach sagen". Albert is völlig unskandalös. Brav verheiratet. Keine kleinen Fluchten. Kein Suff. Der gute Nachbar von nebenan, der beim Tapezieren hilft. Mangelsdorff ist ein Mensch der unermüdlichen Arbeit. Das Glitzern überlässt er anderen. Und seltsam, in einer Zeit der elektronischen Tricks, der halbnackten Beilagen überzeugt er durch altmodische Tugenden: Fantasie und Kompetenz. Das wird am besten in seinen Solokonzerten hörbar. Ein Mann, eine Posaune, ein Mikrofon. Nichts weiter. Da ist nichts rasch hingepustet. Jahrelanges Training ging voraus. "Ich spiele Sachen, die langsam herangewachsen sind. Mein Fleiß und die Musik treiben mich an. Irgendwie rolle ich weiter." A.M., der Rolling Stone! Sein Ziel ist die Spontaneität. Immer gewappnet zu sein für das völlig freie Musizieren – das ist sein Motor, seine Utopie vom Jazz. Der Jahrhundertmusiker hat einen gewaltigen Appetit auf musikalische Abenteuer und Eskapaden. Im Auftrag des Goethe-Instituts hat er mit seinem Horn mehrfach den Globus umrundet. Mit dem französischen Klang-Exzentriker Michel Portal ist er auf die Bühne gestürzt, ohne jede Probe, und hat mit ihm verrückt gespielt. Im Globe Unity Orchestra, einer Zentrale des freien Irrsinns, hat er sich an wüsten Kollektiv-Improvisationen beteiligt. Die Bürger erschraken. Im Duo mit dem amerikanischen Saxofonisten Lee Konitz hat er uns gezeigt, was den Jazz in seinem Innersten zusammenhält. Er kann spielen, was er will. Sein Posaunenduktus ist unverkennbar und einmalig. Es sind die für ihn so bezeichnenden Intervalle, Sprünge in den Melodien, die so wirken, als würden sie hüpfen. Und alles wird vorangetrieben vom feinen Swing eines Sanguinikers. Eines Mannes, der in den Wald geht, um seine Kollegen, die Vögel, zu besuchen. Der ihre Gesänge auf Band nimmt, um von ihnen zu lernen. Piep piep, tut tut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hielten sich die deutschen Sender Tanz- und Unterhaltungsorchester. Vor ihnen stand, sagen wir, Lale Andersen und besang die Nordseewellen. Es seimte, die Hörer sanken in einen Halbschlaf, und nichts war gut. Heute halten sich die Radiostationen Bigbands, die mit jungen Musikern besetzt sind. Vom Jazz durchblutet, von keinem Sicherheitsdenken gelähmt, sorgen sie für eine erfrischende Programmpolitik. Eines der besten Orchester dieser Art hat der NDR Hamburg unter der kompetenten Leitung von Dieter Glawischnig. Kein Wunder, dass sich in dieser Runde Musiker wie Albert Mangelsdorff tummeln und zum aufgeklärten Image des Senders beitragen. Albert, der Posaunen-Petrus.

π Albert Mangelsdorff: Music for Jazz Orchestra

NDR Bigband, Ltg: D. Glawischnig (Skip 9039, 2SKP)

Albert Mangelsdorff And His Friends, Duos mit Don Cherry, Lee Konitz,

Attila Zoller, Karl Berger (Universal 004400673752)