Es gibt Tage, da fallen die Popstars vom Himmel, wenn man nur dran glaubt. Geoff Travis muss so einen Tag im Jahr 2001 erwischt haben, als er das Demotape hörte, das ihm ein New Yorker Freund am Telefon vorspielte. Wie herrlich Gitarren in der Leitung scheppern können, dachte Travis noch. 15 Sekunden später, so geht die Geschichte, hatte der Chef des Londoner Rough-Trade-Labels die fernmündlich beworbene Band bereits unter Vertrag genommen.

Es verging kein halbes Jahr, bis die Strokes als neue Wunderknaben durchs globale Rock-’n’-Roll-Dorf getrieben wurden – fünf Jungs mit richtigen Instrumenten zum Anfassen, den Schmutz der New Yorker Boheme noch unter den Fingernägeln. Allein in England, wo das Debüt-Album der Band auf Rough Trade erschien, verkaufte sich Is This It eine halbe Million Mal.

Geoff Travis hatte insgeheim darauf gehofft. Das Popstar-Machen gehört zu seinem Job seit knapp 30 Jahren, genauso wie Tausende von Tapes und CDs zu hören, schlechte Gitarren-Feedbacks zu ertragen, Avantgarde von Kunsthandwerk zu trennen. Der Brite, Jahrgang 52, wirkte schon als Schallplattenverkäufer, Label-Besitzer und Manager von Pulp und den Cranberries – Indie-Guru wäre eine korrektere Berufsbezeichnung für ihn. Es wird Travis kaum gestört haben, dass die Strokes-Platte außerhalb seiner Heimat vom Branchenriesen BMG vermarktet wurde, die Strokes markierten den Sieg von Inhalt über Verpackung, von Independent über Unterhaltungsökonomie. Wo die Major Companys, längst Teil von multimedialen Firmenkonglomeraten, in komplizierten Casting-Verfahren mit Popstar-Anwärtern survival of the fittest proben und schweineteure Promotionkampagnen für ihre letzten Megastars hinlegen, hatte Travis musikologische Sensibilität und Geschmack walten lassen: Strokes, wunderbare Musik. Muss veröffentlicht werden.

Dass das auf dem gerade wieder ins Leben gerufenen Rough Trade Label passierte, verlieh der Geschichte einen Hauch Sentimentalität. Zwischen 1978 und 1990 hatte Travis mit seinem Label den ersten Markenartikel des Alternative Pop entwickelt.

Ein alter Plattenladen erlebt kulturkritische Zeiten

Das Signet mit dem Rough-Trade-Stempel stand für Integrität und Experimentierfreudigkeit. Dann stürzte Rough Trade über Vertriebskrisen in den Ruin. Geboren wurde das Label in einem heruntergekommenen Plattenladen in Notting Hill – von links fegte der Punk rein, im Hinterraum stapelte sich das Vinyl, das Travis aus Amerika rübergeschafft hatte. Es gab nicht nur nonstop Musik, die überlaut aus den Boxen eines Reggae-Sound-Systems geschickt wurde, Rough Trade entwickelte sich zum Umschlagplatz der Independent-Idee. Bands wurden gegründet, Konzerte organisiert, handkopierte Fanzines ins Leben gerufen. Und nachmittags kam Clash-Gitarrist Mick Jones vorbei, der ein paar hundert Meter entfernt bei seiner Oma lebte. Mit dem Label Rough Trade und dem Vertriebsnetz The Cartel bekam die junge Punk- und New-Wave-Szene eine eigenständige Plattform, auf der die Altlasten des Rock ’n’ Roll entsorgt werden konnten – ungefiltert durch die Marketing- und Produktionsmaschinen der großen Firmen.

Die ersten kleinen und unabhängigen Labels waren schon in den dreißiger und vierziger Jahren in Amerika entstanden. Sie veröffentlichten hauptsächlich regionale Musik, deren Vermarktung für die großen Companys bedeutungsloser wurde, als sich ein nationales Radionetz entwickelte. Elvis Presley trug seine Zweidollarfünfziggitarre 1953 noch in das Aufnahmestudio eines waschechten Indies: Sam Phillips’ Spezialisten-Label Sun Records in Memphis assistierte im Geburtskanal des Rock ’n’ Roll.

Mit Rough Trade erhielt das Independent-Konzept eine gegenkulturelle Basis, die politische Fragestellungen zuließ: Kann man den Kapitalismus im Kapitalismus vielleicht abschaffen? Im Rough-Trade-Kollektiv gab es gleichen Lohn für alle, das Label unterstützte feministische Literatur und Musik und verstand sich als Forum für linke Kulturdiskurse. "Ich plädierte für einen Lenin-Sozialismus, indem ich diktierte, was gut war und also veröffentlicht wurde", rekapituliert Travis heute. "Es war wichtig, jemanden zu haben, der Qualitätsurteile abgibt. Das erst setzte eine Debatte in Gang, die zur Förderung eigener Standpunkte beitrug."