In Deutschland spricht man noch immer vom "Ostfeldzug" oder von "Hitlers Krieg im Osten". Ein breiterer Blick auf den deutsch-sowjetischen Krieg muss beide Seiten ins Auge fassen. Auf dem Wege zu diesem noch zu schreibenden Meisterwerk hat der englische Historiker Richard Overy einen großen Schritt getan. Er verfasste eine Gesamtdarstellung von Russlands Krieg 1941–1945 und bewältigte damit eine Aufgabe, an die sich so bislang noch kein einzelner russischer oder deutscher Historiker herangewagt hat. Overy, ein in London lehrender Militärhistoriker, beherrscht nicht nur die kriegsgeschichtliche Materie, sondern auch die Kunst des Erzählens. Was seinem Werk besondere Überzeugungskraft verleiht, ist seine Fähigkeit, sich sehr genau in die Situation der sowjetischen Führer und des russischen Volkes hineinzudenken und Licht wie Schatten der sowjetischen Kriegsanstrengungen mit der Distanz des Außenstehenden darzustellen.

Was er an Fakten und Zusammenhängen ausbreitet, ist nicht das Ergebnis eigener Forschungen in russischen Archiven. Seine Methode besteht vielmehr darin, die vielen Erkenntnisse, welche die historische Forschung in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, in den angelsächsischen Ländern und in Deutschland in den letzten Jahrzehnten, zumal seit der Glasnost-Periode Mitte der achtziger Jahre, zutage gefördert hat, zu einem großen und stimmigen Mosaik zusammenzusetzen. Zudem unternimmt er es, "Stalin und das System, ihre Stärken und Schwächen, neu zu beurteilen" .

In zwei einleitenden Abschnitten wird die Geschichte der Sowjetunion zwischen 1919 und 1941 beschrieben. Der Autor geht insbesondere der Frage nach, welche Voraussetzungen der Staat Stalins in dieser Phase schuf, um seine äußere Sicherheit zu gewährleisten. Der Krieg 1941 bis 1945 wird in sieben Kapiteln abgehandelt: Gotensturm gen Osten: Barbarossa; Leningrad und Moskau zwischen Leben und Tod; der Kampf im Inneren der Sowjetunion; der Kessel: Stalingrad und die große Schlacht von Kursk; das weitere Vordringen der Roten Armee nach Westen und schließlich der Sieg der Roten Armee in Berlin im Jahre 1945.

Niemals lässt Overy einen Zweifel daran aufkommen, dass dieser Krieg, der ebenso wie der Holocaust ein monströses Verbrechen darstellte, von Hitler-Deutschland ausgelöst wurde. Das ganze Ausmaß der Verheerungen lässt sich nur schwer mit Worten beschreiben. Nach den wohl zutreffendsten Schätzungen kostete dieser Krieg 25 Millionen sowjetischen Menschen, Soldaten und Zivilisten, das Leben, und er verwüstete große Teile des Landes, 70000 Dörfer, 1700 Städte, 32000 Fabriken, 65000 Kilometer Schienenwege. Erst der deutsche Angriff hat bewirkt, dass sich das überfallene Land in einem mehrjährigen Prozess zu ungeheuren, bis dahin unbekannten Kriegsanstrengungen aufraffte. In der ersten Kriegsphase ging es für das angegriffene Land buchstäblich um seine Existenz. Die deutsche Wehrmacht, die damals als die stärkste Militärorganisation der Welt galt, brachte Russland 1941 an den Rand des Abgrunds. Auch 1942/43 war noch keineswegs entschieden, ob es der Roten Armee gelingen würde, den "faschistischen Aggressor" zu besiegen. Von der ersten Seite seines Buches an verfolgt Overy die Frage, "wie die Sowjetunion den Sieg erringen konnte".

Aus einer anderen Perspektive heraus hatte er sich schon in seinem Buch Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen (2000) mit diesem Problem auseinander gesetzt. Natürlich war es nicht ein einziger Faktor, der bewirkte, dass die Sowjetunion ihren grandiosen Sieg über die deutsche Wehrmacht errang, einen Sieg, den die Führung des "Dritten Reiches" wie auch die der Westmächte zunächst für unmöglich gehalten hatte. Overy zeigt, wie die sowjetischen Rüstungsanstrengungen dazu führten, dass die Rote Armee allmählich (seit 1943) der Wehrmacht in quantitativer und qualitativer Hinsicht überlegen wurde; wie die Rücknahme des Systems der Politoffiziere und die Wiederherstellung der vollen militärischen Befehlsgewalt der Kommandeure zu einer Effizienzsteigerung führten; wie die sowjetische Kriegführung von der deutschen lernte und immer mehr auf die tragende Rolle der Panzerwaffe setzte; wie der Diktator Stalin – im Gegensatz zu Hitler – begriff, dass Schukow, Rokossowski, Konjew und andere Spitzenmilitärs der Roten Armee mehr vom Krieg verstanden als er selbst, und ihnen dann die Operationsplanung und -führung überließ; wie der von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion beherrschte Staatsapparat durch Flexibilität und Organisationskraft, aber auch durch Terror, in der Lage war, die Völker des Riesenreiches zu mobilisieren, ihnen die erforderliche Rüstung zu verschaffen und alle Anstrengungen auf das einzige Ziel des Sieges über einen extrem gefährlichen Aggressor hin zu bündeln; wie der in seiner Brutalität wie in seinen Fähigkeiten nicht zu unterschätzende Stalin das Ganze zusammenhielt und dem kämpfenden Volk den Eindruck vermittelte, der Beschützer, der Lehrer und Helfer zu sein; wie das ewig geknechtete und extrem leidensfähige russische Volk in diesem Krieg schließlich doch zu einem "gesteigerten persönlichen Verantwortungsgefühl" gelangte und dieses in den Dienst des russischen Patriotismus stellte. Dem Durchhaltevermögen der russischen Menschen setzt der englische Historiker ein besonderes Denkmal: Sie hätten eine "unvergleichliche Leistung", eine "welthistorische Tat in einem ganz konkreten Sinne" vollbracht .

Schließlich weist Overy über das Kriegsende hinaus und beleuchtet den geschichtspolitisch relevanten Vorgang, wie Stalin den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" als das Ergebnis seines Führungsgenies reklamierte und wie er die eigentlichen Väter des Sieges, allen voran Marschall Georgi K. Schukow, ausbootete, um die zur Weltmacht aufgestiegene und modernisierte Sowjetunion selbst diktatorisch führen zu können.

π Richard Overy: Russlands Krieg 1941–1945

Aus dem Engl. v. Hainer Kober; Rowohlt Verlag, Reinbek 2003; 555 S., 24,90 ¤