Von den Kanzlern der Bundesrepublik Deutschland haben es bisher nur drei geschafft, ihren Namen unlösbar mit einer einzigen großen, historischen Leistung zu verbinden: Konrad Adenauer mit der festen Verankerung der Bundesrepublik im Westen, Willy Brandt mit dem Abschluss der Ostverträge und Helmut Kohl mit der Wiedervereinigung Deutschlands. Dem Bundeskanzler der Jahre 1974 bis 1982, Helmut Schmidt, war es nicht vergönnt, seinen Namen auf derart knappe und einprägsame Weise in das Buch der Geschichte einzutragen. Dennoch gilt er zu Recht als einer der großen Regierungschefs der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er steuerte die Bundesrepublik sicher durch eine weltwirtschaftliche Krisenperiode, bot dem mörderischen Terrorismus der Rote-Armee-Fraktion die Stirn, verhinderte eine Änderung der militärischen Kräfteverhältnisse zulasten des Westens und zugunsten der Sowjetunion und gab zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Giscard d’Estaing dem westeuropäischen Einigungsprozess wichtige neue Impulse.

Kein Kanzler vor ihm und nach ihm hatte, als er ins Amt gelangte, in so vielen Gebieten der Politik Erfahrungen gesammelt und überlegenes Fachwissen erworben wie Schmidt. The Making of a Chancellor könnte der englische Titel des ersten Bandes seiner Biografie lauten, den der Heidelberger Historiker Hartmut Soell jetzt vorgelegt hat. Der Band endet mit dem Machtwechsel von 1969, der Willy Brandt ins Amt des Bundeskanzlers und Helmut Schmidt an die Spitze des Verteidigungsministeriums brachte. Soell, von 1965 bis 1968 Assistent der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion und von 1980 bis 1994 Bundestagsabgeordneter der SPD, hat bereits zwei andere prominente Sozialdemokraten, Fritz Erler und Herbert Wehner, porträtiert. Seine Biografie Helmut Schmidts ist die umfassendste, die es bislang gibt, und die einzige, die sich auf die Auswertung des reichhaltigen Privatarchivs des ehemaligen Kanzlers stützen kann.

Bei aller politischen Nähe zu seinem "Helden": Den Vorwurf, er habe eine unkritische, glättende oder gar glorifizierende Lebensbeschreibung Schmidts verfasst, kann man Soell nicht machen. Er wahrt durchgängig Distanz, arbeitet Schwankungen und Widersprüche des Politikers Schmidt heraus, verschweigt keine Schwächen und macht deutlich, was er für Fehlurteile und Fehlentscheidungen hält. Eine gewisse Grundsympathie bleibt natürlich immer zu spüren. Aber eines solchen Gefühls braucht sich nicht zu schämen, wer das Leben eines bedeutenden demokratischen Politikers darstellt.

Was ist "neu" an dieser Biografie? Wir erfahren mehr, als wir bisher wussten, über die familiären Prägungen und den Freundeskreis des jungen Hanseaten, über seine geistigen und musischen Interessen, die Liebe zu Loki, seiner späteren Frau, über sein Verhältnis zu Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer, Herbert Wehner, Fritz Erler, Willy Brandt und Karl Schiller, schließlich über seinen Beitrag dazu, dass die SPD auf Bundesebene regierungsfähig wurde und sich in der Großen Koalition als staatserhaltende Reformpartei profilieren konnte.

Dass der Vater Helmut Schmidts der uneheliche Sohn eines jüdischen Bankiers war, der seine teilweise "nichtarische" Herkunft nach 1933 verheimlichen konnte, ist seit langem bekannt. Der Oberschüler Schmidt, der zum Zeitpunkt der Machtübertragung an Hitler 14 Jahre alt war, wusste, dass er "Vierteljude" war und als rassisch minderwertig gegolten hätte, wenn dieser Sachverhalt bekannt geworden wäre. Der Hitler-Jugend gehörte er anfangs nicht ungern an; im Sommer 1936 nahm er an einem "Adolf-Hitler-Marsch" von Hamburg nach Nürnberg zum Reichsparteitag der NSDAP teil. Er wurde kein Nationalsozialist, ließ sich aber zeitweilig von der "sozialistischen", die Werte der Gemeinschaft beschwörenden Propaganda des Regimes beeindrucken. Seinen Kriegsdienst leistete er, wie Soell schreibt, "widerwillig und doch pflichtgetreu". Er wollte nicht als feige erscheinen und tat alles, um von der Etappe an die Ostfront versetzt zu werden, was ihm im August 1941 auch gelang. Ende April 1945 geriet er, inzwischen Oberleutnant und Batteriechef bei der Flak, also der Abwehr feindlicher Flieger, nicht weit von Hamburg in britische Gefangenschaft.

Ein schlagfertiger, gefürchteter Debattenredner

In autobiografischen Aufzeichnungen aus den ersten Wochen nach Kriegsende hat Schmidt seine "endgültige Abkehr, wenn zunächst auch nur tastend, vom NS" in das Jahr 1937 datiert und mit Begegnungen und Erfahrungen beim Reichsarbeitsdienst in Verbindung gebracht. Als schockierend und abstoßend empfand er den Schauprozess gegen die Verschwörer des 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof in Berlin – ein Verfahren, zu dem er wie andere Offiziere seines Stabes als Zuhörer abkommandiert worden war. Seine bewusste Politisierung aber setzte erst im Gefangenenlager in Belgien ein. Ein Vortrag des religiösen Sozialisten Hans Bohnenkamp über das Thema Verführtes Volk Anfang Juni 1945 scheint auf ihn die Wirkung eines Befreiungsschlages gehabt zu haben: Schmidt verlor die letzten Illusionen über das System, dem er als Offizier der Wehrmacht gedient hatte. Im Frühjahr 1946 trat er, inzwischen Student der Volkswirtschaft in Hamburg, in die SPD ein. Offenbar war es ein intensives Gespräch mit Bohnenkamp, das den Ausschlag für diese Entscheidung gab.