Der Besuch in einem Berliner Wohnungsbordell animierte die Autorin zu umfangreichen Recherchen über die Situation der Prostitutierten in Deutschland. Die Frauen dort waren weder blutjung, gertenschlank noch umwerfend schön. Sie wirkten selbstbewusst, unabhängig, gingen ihrer Arbeit gern nach und fühlten sich als Chefinnen in einem Gewerbe, in dem sie über Arbeitszeit, -ort und -ertrag selbst entscheiden. Dort entstand Tamara Domentats Idee, die sie später oft bestätigt fand: Feministisch inspiriertes Bewusstsein und prostitutiver Sex sind keine unversöhnlichen Gegensätze.

Das Buch kämpft gegen die alten Stereotypen über die Nutten, sieht in der gewandelten Realität dieses Berufs Argumente gegen landläufige Einschätzungen und kippt überkommene Moralvorstellungen gleich mit. Die Hauptthesen:"Das Gewerbe hat sich differenziert und hat Karrieren geschaffen. Prostitution etabliert sich zunehmend als sexuelle Dienstleistung, die mit einem Jahresumsatz von über sechs Milliarden Euro einen beträchtlichen Wirtschaftsfaktor darstellt. Das Gewerbe hat sich in den letzten Jahren aus den Sperrbezirken herausbewegt und vom Zuhälter emanzipiert. Stattdessen gibt es Hausbesuch und weiblich geführte Bordelle."

Möglich, dass dieses Buch Sperrbezirke des normalen Denkens zu Recht attackiert. Die Gewohnheit schafft Meinungsschubladen, voll gestopft mit der alltäglichen und kaum variierten öffentlichen Berichterstattung.

Wer macht sich schon – zumal bei diesem Thema – die Mühe, darüber nachzudenken, ob der allseits anerkannte gesellschaftliche Wandel nicht auch die Prostituierten erfasst hat, die wir seit Jahrhunderten so hübsch praktisch angesiedelt haben: im Rotlichtmilieu oder in Fürsten- und Politikerbetten. Auf dem Straßen- und Babystrich und im Fond einsam geparkter Autos. In der Pfui-Ecke von Frauen, die ihren Körper verkaufen und die damit verbundene psychische Wertlosigkeit in Kauf nehmen müssen. Opfer männlicher Gewalt und Ausbeutung – sei es die der Freier oder die der Zuhälter. Elendsschicksale, entstanden aus der Not der falschen Familie, dem Mangel an Geld und fehlenden moralischen Grenzen. Thailänderinnen, Russinnen, Polinnen, versklavt. Der Schub der öffentlichen Maßnahmen geht in mehrere Richtungen: gesetzlicher Schutz und Kontrolle für die "reguläre" Prostitution sowie für die heimlich Versklavten. Soziale Hilfen, um Nutten aus diesem Beruf zu befreien.

Und nun kommt die Journalistin Tamara Domentat und behauptet: Alte Hüte. Deutsche, denkt um. Prostituierte sind keine homogene Gruppe. Weder von ihrer Persönlichkeit noch von ihrem Arbeitserleben her. Viele kommen nicht aus der Gosse, sondern von der Uni. Sie haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, können jederzeit damit aufhören, am Telefon zu stöhnen oder die Domina zu spielen. Sexarbeit ist ihre freie Wahl.

Für die eine bleibt sie Episode, für andere die lebenslang erfüllendste Berufsoption. Einige pendeln zwischen Prostitution und bürgerlichen Berufen. Die Sexarbeiterin, die in ihrem Bordell auch mal einen Mann ablehnen darf und nur noch 30 Prozent ihrer Einnahmen abgeben muss, hat nichts gemein mit der drogenabhängigen 19-Jährigen, die für zehn Euro ins Auto des Freiers steigt. Sexarbeiterinnen jeder Art seien sich heute bewusst, dass ihre Tätigkeit enorme Statusunterschiede kennt. Aufklärungsarbeit hat ihre Wirkung getan: Laut einer australischen Studie sind wacklige Bettgestelle und unbeleuchtete Treppenhäuser die größten Berufsgefahren. Weit vor dem Risiko ansteckender Krankheiten.

Das Buch argumentiert auf eine vertrackte Weise folgerichtig. Da offensichtlich benachteiligte Gruppen (Drogenabhängige, Opfer des Menschen-handels, der Unzucht mit Abhängigen oder Unmündigen et cetera) von der Autorin ausgeklammert werden, gerät das Thema Prostitution zur Frage der reinen Rationalität. Sexarbeit ist Arbeit wie jede andere, solange sie freiwillig ausgeübt und von den Betroffenen als angenehm erfahren wird.