Doch muss es auf Dauer bei diesen enttäuschenden Zahlen bleiben? Es gibt Ökonomen, die in solchen Fragen deutlich mehr Geduld aufbringen als die Herren Moulton, Stiroh und Gordon. Joel Mokyr zum Beispiel, ein Wirtschaftshistoriker an der Northwestern University in der Nähe von Chicago. Er hat sich ein Leben lang mit den frühen industriellen Revolutionen Großbritanniens auseinander gesetzt. "Einige Leute wollten auch schon den Begriff der industriellen Revolution abschaffen", spottet der Professor und hat eine Überraschung auf Lager. Für ihn ist es ein alter Hut, dass wirtschaftliche Revolutionen im Schneckentempo voranschreiten – und dass zu den Zeiten des Hype, der allgemeinen Technikeuphorie, unterm Strich eher wenig passiert.

Ein weiterer Ausflug in die Wirtschaftsgeschichte also. Die Periode von 1760 bis 1830 wurde die "Jahre der Wunder" genannt. Eine folgenschwere Epoche, in der eine Welle von Erfindungen in die Patentämter schwemmte: Dampfmaschinen, Spinnmaschinen, neue Färbemethoden, automatische Webstühle, die Gasbeleuchtung. Die neuen Verfahren wurden gern in wissenschaftlichen und ökonomischen Zirkeln diskutiert, doch ihre Anwendung blieb trotzdem jahrzehntelang auf einzelne Unternehmen oder Orte beschränkt. In der Produktivitäts- und Wachstumsstatistik war von den Neuerungen nichts zu sehen, und die Reallöhne stiegen erst viel später. Warum eine solch lange "Verdauungsperiode" für die vielen Patente?

Offenbar war das Problem, dass technologische Umwälzungen eben alles so grundlegend anders machen. Erfindungen wie die Dampfmaschine – und vielleicht heute der Siliziumchip und das Internet – sind so genannte Basistechnologien. Ihre konkreten Anwendungen müssen erst noch gefunden werden, manche frühen Träume müssen sich erst als Luftschlösser herausstellen, und sie erfordern große Investitionen. Ebenso erfordern sie die Aufgabe alter Technik, die auch einmal teuer war. Also braucht es Jahre und Jahrzehnte, Boomphasen und Crashzeiten, bis Neuerungen "in jeden Aspekt des Wirtschaftens eindringen und es uns ermöglichen, Dinge anders und besser zu erledigen" – so drückt es John Kay aus, der ehemalige Leiter der Saïd Business School in Oxford.

Technische Schwärmer, early adopters und viele übermütige Anleger sorgen da gelegentlich für eine frühe Phase des Hype und müssen bittere Enttäuschungen einstecken. Ihr größter Fehler ist es, zu übersehen, dass ein großer Teil der erwarteten Neuerungen gar nicht technischer Natur ist. "Technologie bringt nur die oberflächlichsten aller Veränderungen hervor", hat der amerikanische Innovationsexperte Peter Senge einmal kategorisch postuliert. "Technologische Systeme sind soziale Produkte", erinnert Manuel Castells, ein Soziologe und Internet-Experte an der University of California in Berkeley. Was soll das heißen? Natürlich, die neue Technik – ob Dampfmaschine oder Mikrochip – legt die Grundlage für einen Entwicklungsschub. Doch wenn sie erfunden ist, ist erst noch eine ganze Welle von Folgeinnovationen erforderlich.

Viele dieser Neuerungen sind wiederum technischer Natur, also Aufgaben für Erfinder und Ingenieure. Eine wichtige Klasse von Folgeinnovationen befasst sich etwa mit der Frage, wie Menschen sich mit ihren neuen Geräten arrangieren können: Im Zeitalter der Eisenbahn-Revolution wurden die Bahnübergänge bald mit Warnsignalen ausgestattet und die Personenwagen mit Toiletten ausgestattet, und wenig später boten Personenwagen und Bahnhöfe ihren Besuchern alle erdenklichen Hilfestellungen und Komfortdienste. Doch in der Welt der Bits und Bytes sei diese Phase noch nicht einmal erreicht, klagte der ehemalige Chef des MIT-Computer-Labs, Michael Dertouzos. Er predigte jahrelang seine Idee vom "menschenzentrierten Computerbau": Geräte, deren Benutzung sich wirklich intuitiv erschließt, die aus einem Kontext selbsttätig auf ihre Aufgaben schließen, die selbstständig hinzulernen und vor allem nicht ständig abstürzen. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie wenig davon bisher umgesetzt ist.

Häufig sitzen die interessantesten Erfinder einer Next Economy aber gar nicht mehr in den Labors und Designstudios. Eine Innovation steht und fällt mit der sinnvollen Anwendung neuer Technik, und deshalb findet man viele Neuerer jetzt eben dort – überall, wo die neue Technik angewendet wird. Es sind soziale, kulturelle und wirtschaftliche Innovationen. Im Internet-Zeitalter können die Neuerer zum Beispiel Unternehmer auf der Suche nach der optimalen Betriebsorganisation sein: Findige Chefs, die neue Arten der Teamarbeit ausprobieren, die durch die Technik erst möglich werden, oder bessere Arten der Speicherung und Vermittlung von Betriebswissen. Richter können dazu gehören, die die Rechtsprechung mit Grundsatzurteilen auf neue Zeiten einstellen ("Fallen Radioübertragungen im Internet unter das Rundfunkgesetz?"); auch Politiker, die Hemmnisse abbauen oder neue Regelwerke verabschieden. Nicht zu vergessen sind die Verbraucher: Sie finden im Laufe der Zeit heraus, welche Dienste der neuen Ära ihnen wirklich nützlich sind. Vielleicht kaufen sie Bücher und Klingeltöne fürs Handy wirklich am liebsten im Internet, Gemüse aber weiterhin im Supermarkt. Oder sie kaufen auch das Gemüse online, aber sie lassen es sich in den Kiosk an der Ecke liefern, um nicht den ganzen Tag auf den Paketdienst warten zu müssen. Wenn sie sich entspannen wollen, bleiben sie vielleicht weiterhin vor dem Fernseher sitzen, aber die Nachrichten lassen sie sich per SMS aufs Mobiltelefon schicken oder vom Radiowecker vorlesen. Die Erfahrung lehrt, dass am Ende bisweilen etwas völlig anderes herauskommt, als es sich die Erfinder – die technischen Eliten – gedacht hatten. Alexander Graham Bell wollte aus seinem "sprechenden Telegrafen" jedenfalls eine Übertragungsanlage für Symphonien und Opern bauen.

Zu den Neuerern gehören nicht zuletzt auch die Skeptiker. Der Historiker Theodore Roszak von der California State University hat dem digitalen Zeitalter bereits eine "neue Ära der Maschinenstürmerei" angekündigt. Der ehemalige Sun-Microsystems-Chefentwickler Bill Joy, ausgerechnet, sympathisierte öffentlich mit dem Bombenleger Theodore Kaczynski – dem so genannten Unabomber wollte die Welt vor der drohenden Herrschaft der Maschinen warnen. Lobbyisten aller Art, vom Branchenverband bis zur Gewerkschaft, warnen vor den Folgen der neuen Technik und versuchen, Verbote zum Schutz ihrer Pfründe durchzudrücken. Kein Wunder: Wie kann man erwarten, dass innovative Technologien ohne Debatte auf breiter Front unterstützt werden?