Deutschland muss in der Energiepolitik die Weichen neu stellen. Niemand kann sich davor drücken; nicht einmal die Energiepolitiker. Denn in den nächsten 20 Jahren geht die Hälfte des deutschen Kraftwerksparks vom Netz, teils altersbedingt, teils wegen des beschlossenen Atomausstiegs. Entweder muss Deutschland demnächst also viel Strom importieren – oder die Lichter gehen aus. Es sei denn, die Politiker würden sich endlich aufraffen und tun, wofür die Steuerzahler sie bezahlen. Nämlich Rahmenbedingungen schaffen, die den Investoren Planungssicherheit verschaffen.

Bisher unterlassen sie das geflissentlich. Statt dessen nerven sie das Publikum mit Streit um Wind und Kohle. Umweltminister Trittin, zuständig für den Wind, gegen Wirtschaftsminister Clement, zuständig für die Kohle – gedient ist damit niemandem. Denn jeder weiß, dass die Windenergie noch viele, viele Jahre braucht, um wirklich nennenswerte Mengen zum Energieaufkommen beizusteuern. Jeder weiß aber auch, dass sämtliche Klimaschutz-Ambitionen sich als Geschwätz erweisen, wenn alle ausgedienten Kohle- und Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt werden.

Ginge es nur darum, dass die Edelenergie Strom bezahlbar bleibt und zuverlässig aus den Steckdosen kommt, könnten es sich die Energiepolitiker bequem machen. Das ist vor allem Sache des Marktes und der Stromkonzerne. Politik ist aber gefragt, wenn Strom in Zukunft tatsächlich umweltverträglich erzeugt werden soll. Mit dieser Herausforderung ist der Markt überfordert. Im vergangenen Jahr emittierten die hiesigen Kraftwerke 322 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) – mehr als ein Drittel aller deutschen CO2-Emissionen und entschieden zu viel.

Während die Deutschen noch um den heißen Brei herumreden, hat die britische Regierung längst Klartext gesprochen. Die Briten stehen vor ähnlichen Problemen wie die Deutschen – nur haben sie mittlerweile verraten, wohin die Reise gehen soll. In einem Energie-Weißbuch, präsentiert Anfang des Jahres, heißt es unmissverständlich: "Wir wollen die Weichen stellen, um in Großbritannien bis circa 2050 die CO2-Emissionen um rund 60 Prozent gegenüber den derzeitigen Werten zu reduzieren." Hierzulande will der hauptsächlich zuständige Wirtschaftsminister am liebsten die Debatte darüber verbieten, wie – und ob – die Klimapolitik nach 2010 weitergeht.

Clement tut damit nicht einmal den Stromkonzernen einen Gefallen. Denn die Planungs- und Investitionsentscheidungen, die sie treffen, weil der Minister sie in Sicherheit wiegt, könnten sich bald schon als falsch erweisen. Ein neues Kohlekraftwerk hat eine Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren. Geht es also beispielsweise im Jahr 2015 ans Netz, soll es bis Mitte des Jahrhunderts Strom produzieren. Kein Minister kann aber garantieren, dass nicht schon in 20 Jahren in der Klimapolitik ein ganz anderer Wind weht – dann, wenn sich womöglich extreme Wetterereignisse häufen, dann, wenn auch die letzten Zweifel an der Rolle des Menschen als Hauptverursacher des Treibhauseffekts ausgeräumt sind. Das Kohlekraftwerk könnte sich dann als technologische Sackgasse erweisen, als Fehlinvestition.

Die britische Regierung hat das Problem erkannt. In ihrem Weißbuch ist von "drastischeren, kostspieligeren Änderungen" die Rede, die erforderlich werden könnten, wenn mit dem Umsteuern in der Energiepolitik jetzt kein Anfang gemacht wird.

Die Briten, wie die Deutschen, stehen allerdings vor einem Problem: Kohle ist weltweit der am reichlichsten verfügbare Energieträger; sie bietet sich deshalb geradezu an, um beim bevorstehenden Investitionszyklus die Hauptrolle zu spielen. Ihre Nutzung in herkömmlichen Kraftwerken ist klimapolitisch allerdings unverantwortlich. Als Blaupause existiert die CO2-freie Kohlenutzung zwar bereits. Aber die Technik ist nicht ausgereift – und noch zu teuer.

Was tun? Um Fehlinvestitionen zu vermeiden, gilt es, erstens die Energieeffizienz zu fördern und zweitens jene Technologien, die eine umweltverträgliche Kohlenutzung praktisch ermöglichen.