Wenn ich meinen Autofahrertyp beschreiben sollte, würde ich sagen: Volvo-Fahrer mit Abgründen. Nicht nur, weil ich privat, dem ZEIT- Redakteur-Klischee entsprechend, so einen schwedischen Kombi steuere. Ich gondele gern untertourig mit Tacho 53 durch die Stadt, schätze es, aufgrund der Automatik nicht schalten zu müssen, und bei Autobahnfahrten stelle ich gerne den Tempomaten so ein, dass ich flott ans Ziel komme, dabei aber noch Musik hören kann. Was durchaus mehr bedeuten kann als Tempo 130.

Die Abgründe: Die haben mit dem kleinen Schweinehund zu tun, der auch in mir schlummert. Der durchs Adrenalin geweckt wird, wenn im Rückspiegel die stechend blauen Augen eines aufblendenden BMW auftauchen, obwohl ich doch gerade in Ruhe meinen tempomatgesteuerten Überholvorgang beenden will. Dann erwische ich mich schon mal bei kleinen Fiesheiten, die ich hier nicht näher beschreiben will.

Dieses Auto nun, der Audi S4, kitzelt die Abgründe hervor. Es hat verdammt viel Spaß gemacht, ihn ein paar Tage auszuprobieren – und ich bin froh, dass er wieder weg ist. Vierzehn Tage Mr.Hyde waren genug, jetzt bin ich wieder der leidlich brave Volvo-Jekyll.

Der S4 ist die sportliche Variante des Audi A4. Eines dieser aufgerüsteten Serienmodelle, denen nicht jeder sofort die innewohnenden Kraftreserven ansieht. Ein bisschen mehr Chrom, breite Reifen, markanter Doppelauspuff und das S4-Logo vorne und hinten – das sind optisch schon die einzigen Unterschiede zum gewöhnlichen A4 Kombi. Nur der Kenner weiß, dass unter dieser harmlosen Schale acht Zylinder mit 344 PS wummern – übrigens ein PS mehr als beim BMW M3, dem wichtigsten Konkurrenten. Für die Zielgruppe ist das offenbar wichtig. "Wolf im Schafspelz" steht über drei von vier Fahrberichten in den einschlägigen Motorjournalen, in denen Fahrer "Piloten" heißen und die Motoren "Aggregate" genannt werden.

Warum gibt man mehr als 50000 Euro für so einen Wagen aus und kauft sich nicht gleich, sagen wir, einen Porsche? Da ist natürlich zuerst der praktische Grund: Audi bewirbt den S4 mit dem Claim "Der tägliche Sportwagen" und trifft damit den Punkt. Mit dem Auto kann Mami die Kinder zum Flötenunterricht fahren, und nachher lässt Papi die Sau raus. Um mal im Klischee zu bleiben.

Der zweite Grund wird vom Hersteller vornehm mit "Understatement" beschrieben. Ein Statussymbol ist der Wagen ja nur gegenüber der kleinen Gruppe der Eingeweihten, die das Logo auf dem Kühlergrill zu deuten wissen. Die inneren Werte des Wagens kommen erst an der Ampel oder auf der Autobahn zur Geltung, wenn Porsche- oder S-Klasse-Fahrer dem Kraftpaket im Spießerkleid verdutzt hinterherschauen. Das ist schon ein besonderes Gefühl.

Erster Ausflug mit dem S4 in Richtung Ostsee. Im Stadtverkehr zeigt sich, dass die Zähmung der 344 Pferde doch geübt sein will: Das kleinste Tippen mit dem Fuß aufs Gaspedal quittiert der Wagen mit einem munteren Hüpfer. Die Beifahrerin klagt über ein flaues Gefühl im Magen, noch bevor die Autobahn erreicht ist.