Ein Mann, ein ukrainischer Christus, steht an einer Brücke, seine Frau ritzt ihm rote Runen ins nackte Fleisch. Einen Cocktail aus frischem Blut und Wodka werfen Jaroslav Janovsky und Vesela Naidenova in ihrer Performance anschließend in die Donau - mögen sich die Fische und ihre Verzehrer daran laben, von Regensburg bis zum Schwarzen Meer! In seinem Museum of Radiation, einer ironischen Hommage an die positiven Strahlungen der Liebe, pappt das Künstlerpaar erotische Fotos auf Garagentore. Warum dann nicht gleich das Brachland von Tschernobyl zum Kunstraum erklären, zum Disneyland für Abenteuertouristen? Alles ist Kunst, selbst das in der Ukraine verdrängte Trauma des großen GAUs. Janovsky und Naidenova sind nur zwei von 25 ukrainischen Künstlern, die auf der Donumenta in Regensburg und ihren sechs Ausstellungen künstlerischen Strategien jenseits des sozialistischen Käfigs vorführen (bis zum 9. November). In der Kirche Sankt Oswald sieht man auf Viktor Maruschtschenkos Tschernobyl-Fotos allerdings nur das übliche Klischeerepertoire der Absurditäten postsozialistischen Lebens: den Parteiführer vor dem Lenin-Kopf, die Babuschka neben der Einkaufstasche mit dem verstrahlten Obst, das spitzengedeckte Datschagartenglück. Die Schwarzweißaufnahmen von Alexander Glyadyelov in der gleichen Schau offenbaren dagegen hinter fast patriarchalischen Landschaftsidyllen den unsichtbaren Tod von Tschernobyl: Eine einsame Frau wandelt über ein weites Feld, doch ihr Korb birgt die Saat für die verstrahlte Erde - Männer lungern neben einem Bretterhaufen vor einem Lastwagen, das verstrahlte Heizmaterial ist ihre kostbare Habe, die sie bei der Evakuierung ins neue Zuhause retten wollen. Gibt es eine Kunst nach Tschernobyl? Ja, wenn man wie der große Fotograf Glyadyelov den blinden Fleck, das Unsagbare, in versteckten Mikrosujets einzufangen vermag.