Dieser Massenmörder hat schon zig Millionen Menschen getötet. Alljährlich findet er Hunderttausende neuer Opfer. Ständig wechselt er sein Erscheinungsbild. Ein weltweites Netz spezialisierter Fahnder stellt ihm permanent nach. Trotzdem kann er sich frei bewegen. Und fällt nur auf durch neue Spuren des Elends und der Zerstörung.

Von Laien wird der Grippeerreger häufig unterschätzt. Virologen aber halten ihn für einen der gefährlichsten biologischen Feinde der Menschheit. Pocken und Pest sind besiegt, die Grippe nicht. Wechselhaft, wie sie ist, können ihre Seuchenzüge relativ harmlos ausfallen, wie starke "Erkältungen" eben. Doch plötzlich mutiert das Allerweltsvirus zum Monster, vernichtend wie die Pest. Der Spanischen Grippe erlagen in den Jahren 1918/19 neuesten Schätzungen zufolge weltweit 25 bis 40 Millionen Menschen; der Erste Weltkrieg kostete 8,5 bis 10 Millionen Menschenleben.

Virologen wüssten nur allzu gern, welche Änderungen im Erbgut die "spanischen" Mikroben so extrem scharf gemacht haben. Denn nur ein Feind, den man gut kennt, lässt sich auch kontrollieren. Auf abenteuerlichen Wegen ist es Forschern in den vergangenen Jahren gelungen, aus uralten Gewebeproben wichtige Teile der Erbmasse des Erregers der Spanischen Grippe zu rekonstruieren. Einer von Ihnen, Jeffery K. Taubenberger vom Institut für Pathologie der US-Streitkräfte Afip (Armed Forces Institute of Pathology) in Washington, arbeitet am Nachbau des Killers und avancierte durch seine Detektivarbeit bereits zum Helden von Buch- und Magazingeschichten. Wie weit der Viren-Nachbau tatsächlich gediehen ist, bleibt im Dunkeln. In Fachkreisen wird gemunkelt, er stehe kurz vor der Vollendung. Fest steht, dass Taubenberger und seine Mitarbeiter bereits vor einem Jahr harmlose Influenzaviren scharf machen konnten, indem sie ihnen rekonstruierte Gene aus dem Erreger der Spanischen Grippe einpflanzten. Während die ursprünglichen Erreger Mäusen nichts anhaben konnten, erwiesen sich die neuen Viren im Test an den Nagern als tödlich.

Der Dämon aus der Flasche

Die Forschung an neu konstruierten tödlichen Viren gerät jetzt in die Kritik von Friedensaktivisten. "Die Wiederbelebung des Erregers der Spanischen Grippe ist ein Rezept für Katastrophen. Sie könnte jede angenommene Attacke mit Milzbrand- oder Pesterregern in den Schatten stellen", warnt Jan van Aken, Leiter der deutschen Sektion des internationalen Sunshine Project. Die Nichtregierungsorganisation hat sich der Ächtung von Biowaffen verschrieben und verfolgt mit Argusaugen weltweit den Einsatz von Bio- und Gentechnik in der Biowaffen-Abwehrforschung. Die bisherigen Versuche seien "nur der erste Schritt auf dem Weg, den Erreger der Spanischen Grippe vollständig wiederzubeleben. Der Dämon ist fast schon aus der Flasche", mahnt van Aken. Aus Sicht der Waffenkontrolle sei es besonders heikel, dass sich ein Militärforschungsinstitut wie das Afip an einem Projekt zur Herstellung gefährlicher Krankheitserreger beteilige. "Wenn Jeffery Taubenberger in einem chinesischen, russischen oder persischen Labor arbeitete, dann würde dies bei der Indiziensuche für ein offensives Biowaffenprogramm als der berühmte rauchende Colt bewertet", meint van Aken.

Mit ihrer Sorge, Grippeviren könnten von Bioterroristen missbraucht werden, stehen die Sunshine-Aktivisten nicht allein. So hat kürzlich ein Team der Stanford University vom Nationalen Institut für Allergien und Infektionskrankheiten der USA 15 Millionen Dollar erhalten, um den möglichen terroristischen Missbrauch von Influenzaviren zu studieren und zu prüfen, ob sich ein Anschlag durch die Entwicklung besserer, möglichst rasch wirkender Impfstoffe parieren ließe. Die Sorge ist groß, dass die bald vollständige Gensequenz der Erreger der Spanischen Grippe von Terroristen zum Schmieden von Biowaffen genutzt wird.

Doch wie lässt sich überhaupt das Erbgut von Viren gewinnen, die seit 85 Jahren mit ihren Opfern begraben sind? Das Basismaterial für die genetische Rekonstruktion der tödlichen Erreger lieferten US-Soldaten. Das Außergewöhnliche an der Spanischen Grippe war nämlich, dass sie nicht vor allem Kinder und alte Menschen dahinraffte, sondern auffällig viele junge, gesunde. So starben durch das Virus weit mehr US-Soldaten als in den beiden Weltkriegen, im Korea- und im Vietnamfeldzug zusammen. Und in Deutschland konstatierte ein Arzt: "In manchen Gebäranstalten gingen fast alle Schwangeren, die an Grippe mit Pneumonie erkrankten, zugrunde." In Wien porträtierte der 28-jährige Maler Egon Schiele seine im sechsten Monat schwangere, grippekranke Frau Edith. Sie starb am 28. Oktober 1918. Drei Tage später war auch der Maler tot. Stefan Zweig schrieb Mitte Oktober in seinem Tagebuch in Zürich über die Grippe: "Eine Weltseuche, gegen die die Pest in Florenz oder ähnliche Chronikengeschichten ein Kinderspiel sind. Sie frißt täglich 20000 bis 40000 Menschen weg."

Keiner wusste damals genau, wie brutal die Seuche wütete. Denn wegen des Krieges wurde der Krankenstand geheim gehalten, der Gegner sollte nicht wissen, wie geschwächt die eigenen Reihen waren. So kam es auch, dass die ersten Meldungen über die Seuche in Spanien publik wurden. Das Land war nicht am Weltkrieg beteiligt und hatte keine Zensur. Dies führte fälschlicherweise zur Bezeichnung "Spanische Grippe". Sehr wahrscheinlich war es jedoch eine US-Grippe, die Anfang März 1918 im Mittleren Westen ausbrach und sich rasch zu einer Seuche der Army entwickelte. GIs schleppten dann die Viren nach Europa, insbesondere nach Brest in der Bretagne. Die erste Grippewelle begann in Frankreich im April 1918 und schwappte noch im selben Monat über die Schützengräben nach Deutschland.