Fernsehnachrichten", sagt Darren Hankins, "sind doch was für Couchkartoffeln." Der 38-jährige Chemiker aus dem kalifornischen Oakland informiert sich lieber online, ob zu Hause oder an seinem Arbeitsplatz in einem Krankenhaus der East Bay. Hankins hat zwei Online-TV-Kanäle abonniert: CNN.com und ABCNews.com, beides virtuelle Ableger der gleichnamigen Fernsehsender, die für eine Gebühr auf Mausklick aktuelle Nachrichten als Videoclips bereitstellen. Das funktioniert sieben Tage in der Woche, rund um die Uhr – "24/7", wie man in den USA sagt. "Nachrichten laufen bei mir, wenn ich das will – nicht, wenn ein Sender es vorschreibt", sagt Hankins. Das taten sie vor allem während des Golfkriegs. Bis zu zweieinhalb Stunden pro Tag verfolgte Hankins im Netz das Geschehen in Basra, Mosul oder Bagdad. Seit die Waffen am Golf schweigen, hat sich sein Internet-News-Konsum immerhin auf eine gute Stunde täglich eingependelt.

Hankins mag ein Nachrichten-Freak sein, ein Pionier des neuen Geschäfts mit den Online-Nachrichten, aber ein Einzelfall ist er schon lange nicht mehr. Studien des Pew Internet & American Life Project haben ergeben, dass sich mehr als drei Viertel der 116 Millionen US-Bürger mit Internet-Zugang im letzten Irak-Krieg online informiert haben. Web-Medienangebote verbuchten Rekordzugriffe, Netz-Ableger führender US-Tageszeitungen wie der New York Times oder der Washington Post meldeten im März 2003 um bis zu 30 Prozent mehr Zugriffe. Doch vor allem die Websites amerikanischer TV-Sender erfreuen sich regen Zulaufs, mehr als jeder dritte Online-Amerikaner informierte sich hier über die Entwicklung am Golf. Besonders beliebt waren offenbar Video- und Audioprogramme: Nach Branchenschätzungen sollen die Websites der Sender CNN, CBS, C-SPAN oder ABC während der Irak-Invasion fünfmal so viel Zugriffe auf ihre Multimedia-Clips verzeichnet haben als vor dem Konflikt.

Viele Branchenbeobachter glauben bereits, dass der Irak-Krieg eine Trendwende im Internet markiert: Web-Broadcasting erlebt seinen Durchbruch und könnte bald wirtschaftlich werden. "Der Irak-Krieg war ein Meilenstein für das Internet auf dem Weg zum echten Massenmedium", sagt Sreenath Sreenivasan, Journalismus-Professor für Online-Medien an der Columbia University in New York. Es ist freilich nicht die erste Einschätzung dieser Art. Schon seit Mitte der neunziger Jahre versuchen sich Online-Unternehmen, Medienfirmen und Rundfunkanstalten an kommerziellen Video- und Audioangeboten für Internet-Nutzer mit Breitbandanbindung. Viele ambitioniert gestartete Initiativen – vor allem im Unterhaltungsbereich – scheiterten jedoch. Die erwarteten Online-Werbeeinnahmen blieben aus, und zu wenige Web-Nutzer konnten für kostenpflichtige Online-Service begeistert werden. Zudem waren viele Projekte, technisch gesehen, ihrer Zeit zu weit voraus. Im Millenniumjahr 2000 und damit zum Höhepunkt der Dotcom-Euphorie verfügten selbst im Cyber-Mutterland USA nicht einmal fünf Millionen private Nutzer über eine schnelle Breitbandverbindung per TV-Kabel oder Telefonleitung – und eine solche ist dringend notwendig, um etwa Fernsehbilder in annehmbarer Qualität zu übertragen.

Analysten zufolge liegen die Dinge nun jedoch anders. "Die Zeit ist reif für Video- und Unterhaltungsangebote im Netz", sagt Greg Bloom, Online-Medien-Experte bei Nielsen/Netratings. In der Tat boomt das Geschäft mit schnellen Internet-Anschlüssen: Über 73 Millionen Amerikaner verfügen ComScore MediaMetrix zufolge zu Hause oder am Arbeitsplatz über eine Breitbandleitung. Jede Woche sollen alleine 100000 private US-High-Speed-Netzhaushalte hinzukommen, womit bis Ende des Jahres über 20 Millionen und damit jeder fünfte amerikanische Haushalt breitbandig online wären. Für viele Marktforscher ist das die kritische Masse. "Wenn dieses Kundenpotenzial nicht reicht, profitable Geschäfte aufzubauen, dann kann ich mir auch nicht erklären, wo das Problem liegt", sagt Ben Macklin von eMarketer.

Gleichzeitig steigt mit der wachsenden Zahl an potenziellen Kunden auch die Akzeptanz von Bezahl-Inhalten im Netz, wie verschiedene Kunden belegen. Die Marktforscher von Fittkau & Mass beobachten einen "Sinneswandel": Immer mehr Nutzer seien bereit, für "hochwertige Informationen, Daten und Nachrichten" zu bezahlen und ebenso für E-Learning-Angebote, die Online-Nutzung von Software, für Filme und Musik.

Rob Glaser, Vorstandschef von RealNetworks, will darin einen Zusammenhang erkennen. "Die Bandbreiten wachsen, die Nutzer sind länger online, gleichzeitig sind mehr Inhalte verfügbar, und immer mehr Konsumenten akzeptieren kostenpflichtige Angebote", sagt der Internet-Pionier. Sein Unternehmen ist schon seit Jahren bemüht, das Web in ein echtes Massen- und Unterhaltungsmedium zu verwandeln. Als Erstes hatte er mit dem RealPlayer die Bilder das Laufen im Internet gelehrt, dann das Web-Radio populär gemacht. Die aktuellen Programmdienste wie etwa der RealOne Superpass zählen schon mehr als eine Million Abonnenten. Sie bezahlen zehn Dollar im Monat und bekommen dafür einen Mix aus Musik, Newsclips, TV-Formaten und Sportübertragungen übers Netz.

Doch der Pionier RealNetworks ist schon lange nicht mehr allein – um seinen Markt ist ein scharfer Wettbewerb ausgebrochen. So bieten etwa Fernsehsender wie CNN und ABC ihre TVBilder im Internet, und der Computerriese Apple hat mit seinem Musicstore innerhalb von wenigen Wochen ein legales Musikangebot im Internet etabliert, über das inzwischen mehr als zehn Millionen Lieder verkauft wurden.

Zu einem scharfen Rivalen für Branchenprimus RealNetworks avanciert vor allem der Internet-Riese Yahoo. Ende März startet die Silicon-Valley-Web-Firma einen eigenen Video- und Audio-Abonnementdienst, der dem Angebot RealNetworks sehr ähnlich ist. Für zehn Dollar monatlich stehen etwa Newsclips oder TV-Hitshows zur Verfügung. Für sechs Dollar extra gibt es außerdem Sportübertragungen – die beliebtesten "Quotenbringer" der Branche.