Kann man, selbst als Fachmann, die Wirkung sämtlicher 54000 Arzneimittel kennen, die in Deutschland zugelassen sind? "Eine gute Frage" sei das, die ihn "fast ein wenig verlegen" mache, sagt Wieland Werner. Seit 1969 leitet er die "Apotheke am Friedensplatz" in Bonn. Etwa 15000 Präparate hält eine Apotheke wie seine vor, verschiedene Packungsgrößen eingeschlossen. Sie zumindest habe er gut zu kennen, und in die Eigenarten selten verlangter Arzneien müsse man sich eben gegebenenfalls einlesen. "Kundendienst" nennt der 67-Jährige das. Allerdings decken rund 2300 Präparate 90 Prozent des üblichen Bedarfs ab – für Laien aber immer noch eine imposante Zahl.

Müsste man für einen Film die Rolle des erfahrenen Apothekers besetzen, wäre Werner erste Wahl – nicht nur wegen des weißen Haares und des gleichfarbigen Kittels. Seit 40 Jahren reicht er Kopfschmerztabletten und Pillen gegen Bluthochdruck über die Theke und hilft Patienten zu unterscheiden, auf welche der oft bedrohlich klingenden Nebenwirkungen einer Arznei am ehesten zu achten ist. "Wir sind zur Beratung der Patienten gesetzlich verpflichtet", sagt der Apotheker. Offenbar gelingt ihm das gut, denn seine Stammkunden kommen aus ganz Bonn. Deren Vertrauen hat er sich über Jahre hinweg aufgebaut – sein eigentliches Betriebskapital, zumal mit Blick auf die unpersönlichen Versand-Apotheken, die mit günstigeren Preisen den Platzhirschen ihren Umsatz streitig machen wollen.

Solche Risiken müssen auch die rund 13200 Studierenden im Auge behalten, die derzeit an 23 deutschen Hochschulen in Pharmazie eingeschrieben sind. Jedes Jahr bestehen bis zu 2000 Studenten, darunter 70 Prozent Frauen, erfolgreich die "Pharmazeutische Prüfung" und erhalten auf Antrag ihre Approbation. Mit ihr können sie sich "Apotheker" nennen. Die meisten werden in einer Apotheke arbeiten oder sie sogar führen – wie derzeit rund 80 Prozent aller 55000 Approbierten. Andere suchen ihr Auskommen als Forscher in der Pharma-Industrie, bei Prüfbehörden oder im Marketing.

Sensibel, fingerfertig und verschwiegen

Alle haben sie acht Semester Lernen und über ein Jahr Praxis hinter sich. "Jeder sollte sich vorher bewusst sein, dass das Studium hart ist, und sich die Frage stellen, ob es ihm oder ihr liegt, ein Leben lang in Milligramm zu denken", rät André Bick, der in Frankfurt am Main im dritten Semester Pharmazie studiert. Eine flexible Fächerwahl gibt es nicht. "Anders als beispielsweise in den Geisteswissenschaften ist der Stundenplan für Studierende der Pharmazie weithin festgelegt", sagt die Apothekerin Berit Eyrich, die bei der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) in Berlin zuständig für Aus- und Fortbildung ist. Die Anforderungen sind hoch. "In der Pharmazie beginnt der Tag um 8 und endet um 18 oder 19 Uhr", sagt Eyrich. Es geht in der Regel los mit Vorlesungen und Seminaren, dann folgen Laborpraktika.

Wer Apotheker werden will, darf kein gebrochenes Verhältnis zu Naturwissenschaften wie Chemie und Physik oder zu Mathematik haben. Lateinkenntnisse sind zu Anfang nicht erforderlich, wenngleich hilfreich; die pharmazeutisch relevanten Begriffe werden Zug um Zug im Studium erworben.

Als Diener am Kunden müssten Apotheker "in jedem Fall Einfühlungsvermögen beweisen und gerne mit Menschen reden", sagt Eyrich. Ihr Kollege Wieland Werner meint sogar: "Im Grunde muss ich als Apotheker meine Patienten lieben", wobei er Mitgefühl einfordert, nicht aber Mitleid, das seiner Objektivität schade. Auch Verschwiegenheit sei wichtig, wenn Kunden den Apothekern Privates oder Details aus ihrer Leidensgeschichte anvertrauen.