DIE ZEIT: Die Schulen quält zurzeit ein akuter Lehrermangel, weil die Schülerzahlen ansteigen und viele Pädagogen in Pension gehen. Sie aber warnen davor, alle Junglehrer einzustellen. Wollen Sie die Schulen ins Chaos treiben?

Jürgen Baumert: Im Gegenteil. Der Report hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge. Er erinnert an den Fehler einer ausschließlich prozyklischen Personalpolitik, deren Konsequenzen heute alle beklagen, wenn sie über die Altersstruktur der Lehrerschaft an Schulen sprechen. Wer jetzt alle Absolventen auf Lebenszeit einstellt, versperrt morgen selbst den besten Nachwuchslehrern den Weg an die Schulen. Denn die Schülerzahlen werden bald wieder sinken – und das dauerhaft. So steigert man sicherlich nicht die angeschlagene Reputation des Lehrerberufs.

ZEIT: Das scheint Sie sehr zu beunruhigen.

Baumert: Ja, denn ebendiese Warnung haben viele Bildungsforscher ausgesprochen, als in den Siebzigern Lehrermangel herrschte.

ZEIT: Mit welchen Folgen?

Baumert: Die meisten – nicht alle – Einstellungsbehörden haben sie faktisch ignoriert. Aus einem Bundesland war sogar die "Erfolgsmeldung" zu vernehmen, auch den letzten Lehramtsanwärter übernommen zu haben. Qualitätsgesichtspunkte traten dabei in den Hintergund. In den Folgejahren haben sich viele Spitzenabsolventen in die Wirtschaft abgesetzt, weil keine Stellen zu besetzen waren. Gleichzeitig sank die Bereitschaft, ein Lehramtsstudium aufzunehmen. Gerade die besten Studienbewerber wandten sich anderen Fächern und Berufen zu.

ZEIT: Wie lautet Ihr Rezept, um dem zeitweiligen Lehrermangel zu begegnen?