Noch bevor der Unterricht um 7.15 Uhr anfängt, ist Schulleiter Wolfgang Selbert nass geschwitzt. 35 Grad, keine ungewöhnlichen Temperaturen für den Herbst in Kairo. Schweißtreibend ist auch sein Weg zur Schule durch den Verkehrsdschungel der Stadt. "Niemand hält sich hier an Regeln", sagt Selbert. "Die meisten nehmen sich die Vorfahrt, wie’s gerade kommt. Letztens ist mir ein Bus mit voller Wucht in die Stoßstange gefahren."

Vor zwei Jahren noch hatte es Wolfgang Selbert gemütlicher. Der 52-Jährige war Direktor eines Gymnasiums in Adenau, am Nürburgring in der Eifel. Seinen Posten hätte er bis zur Pensionierung sicher gehabt. Aber Selbert konnte nicht stillhalten, er wollte wieder raus. Fremde Länder lockten ihn, die Erfahrungen, die er dort als Tourist machte, reichten ihm nicht. "Der Auslandsschuldienst ist für mich die Chance, in ein Land richtig einzutauchen", sagt er.

1990 kehrte er Deutschland zum ersten Mal den Rücken. Für vier Jahre ging er samt Familie an eine deutsche Schule in Russland. Die Putschversuche 1991 und 1992 in Moskau hat er miterlebt. Historie live – für den Geschichtslehrer ein ganz besonderer Reiz.

Zurück in Deutschland, wollte Selbert nach vier Jahren Eifel wieder etwas Neues entdecken. Ägypten und seine Geschichte interessierten ihn. Selbert bewarb sich für den Posten des Schulleiters an der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo. Viele seiner Eifler Kollegen konnten seine Entscheidung nicht verstehen.

Selberts Ehefrau erleichterte ihm den Schritt. Sie ging mit nach Kairo, um dort auch als Lehrerin an einer deutschen Schule zu unterrichten. An einer anderen als Selbert; ihren Ehemann wollte sie nicht als Schulleiter haben. Der 20-jährige Sohn blieb in Deutschland, zum Besuch kommt er häufig nach Kairo. Die Weltoffenheit seiner Eltern hat auf ihn abgefärbt. Bevor er anfing, Psychologie zu studieren, ging er für ein Praktikum nach Thailand.

Nur wenige trauen sich aus Europa heraus

Für das Ehepaar Selbert war der Start in Kairo schwer. Zum anstrengenden Leben in der 18-Millionen-Stadt kamen die Hürden der arabischen Sprache. "Ich dachte, Russisch ist schwer", sagt Selbert. "Aber die Kehllaute im Arabischen kriegt man nur mit Halsentzündung hin."

In seinen Klassen sitzen an die 30 Kinder aus Ägypten, Deutschland und Österreich. Die meisten sind Diplomaten- oder Beamtenkinder. Unterrichtssprache ist Deutsch. Mit den Schülern hat Selbert viel über den Irak-Krieg diskutiert. "Wie geht das aus?", haben sie ihn gefragt. "Wir haben uns alle Sorgen gemacht, aber Vorurteile von ägyptischen Schülern oder Lehrern gegen mich, als Mann aus dem Westen, gab es nie."