Jens Loschwitz hält einen grauen Briefbogen in der Hand. Das Schriftstück, adressiert "an die interessierten Verbände, Organisationen und Institutionen", stammt aus einem Bundesministerium und präsentiert einen neuen Gesetzesentwurf. Solche Briefe bekommt Loschwitz regelmäßig. Der 30-jährige Jurist hat zwar kein politisches Mandat, aber trotzdem redet er mit, wenn neue Gesetze gemacht werden. Als Referent des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) sorgt er dafür, dass die Interessen der Pharmaindustrie in die Gesetzgebung einfließen. Das sei keine Strippenzieherei, sondern ganz normale politische Praxis, sagt er. "Ohne Verbände und Interessenvertreter würden die Anliegen vieler gesellschaftlicher Gruppen bei der Gesetzgebung unter den Tisch fallen."

Das Verhältnis von Politikern und Lobbyisten ist das einer gegenseitigen Abhängigkeit. Die Parlamentarier haben keine breiten Expertenstäbe hinter sich, die die komplexen Themen der politischen Auseinandersetzung für sie analysieren. "Deshalb sind unsere Studien und Stellungnahmen bei der Ausarbeitung der Gesetze eine unverzichtbare Informationsquelle", sagt Loschwitz. Wie viele Interessenvertreter im politischen Geschäft mitmischen, verdeutlicht die offizielle Lobby-Liste des Bundestags. Dort sind über 1700 Verbände registriert, vom ADAC bis zum Zentralverband Naturdarm, und jeden Monat kommen ein paar neue hinzu. Sie alle erhalten politische Informationen aus erster Hand, denn die Registrierung auf der Liste ermöglicht den Zugang zu Anhörungen der parlamentarischen Ausschüsse. "In den nächsten Jahren wird die Verbandslandschaft weiter wachsen", prognostiziert Hans Herbert von Arnim, Professor für Öffentliches Recht an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. "Je geringer das Wirtschaftswachstum und je härter der Verteilungskampf, desto mehr bemühen sich Verbände, Interessenvertreter und Lobbyisten, einen Teil vom Kuchen abzubekommen."

Eine Mischung aus Kompetenz und Fingerspitzengefühl

Beispiel Gesundheitsreform: Bis 2007 sollen im Gesundheitssektor 20 Milliarden Euro eingespart werden, unter anderem durch eine Festlegung von Preislimits für neue Medikamente. Für die Pharmaindustrie ist das problematisch. Sie argumentiert, dass sich die teure Entwicklung neuer Arzneimittel nur dann lohnt, wenn die Kosten durch hohe Verkaufspreise wieder eingespielt werden. Jetzt sind die Lobbyisten vom VFA gefragt: Sie schreiben Briefe an Parlamentarier und Ministerialbeamte, oder sie greifen zum Telefon und vereinbaren Gesprächstermine. Seine Ansprechpartner auf der politischen Ebene sind "immer im Stress", erzählt Loschwitz. Ihnen bleibt oft nur eine halbe Stunde zwischen zwei Terminen, um sich in der Cafeteria des Bundestags mit einem Lobbyisten zusammenzusetzen. Entscheidend ist dann die richtige Mischung aus Fingerspitzengefühl und Fachkompetenz: "Man muss eine möglichst knappe und stichhaltige Argumentation bringen. Auf keinen Fall dürfen die Leute den Eindruck gewinnen, dass man ihnen mit langen Vorträgen ihre Zeit stiehlt."

Auch Hans-Jörg Freese, stellvertretender Pressesprecher der Bundesärztekammer in Berlin, hat sich in den letzten Wochen intensiv mit den neuesten Entwicklungen in der Gesundheitspolitik beschäftigt. Der Reformentwurf, auf den sich Regierung und Opposition nach zähen Verhandlungen geeinigt haben, liegt auf seinem Schreibtisch: ein dicker Stapel Papier, 342 Seiten. "Wir sind zufrieden, denn in wichtigen Punkten haben wir deutliche Korrekturen herbeiführen können", sagt der 38-Jährige. Zum Beispiel beim geplanten Zentrum für Qualität in der Medizin, das ursprünglich als eine Art Kontrollbehörde ärztlicher Arbeit über die Kosten von Medikamenten und Behandlungen hätte wachen soll. Die PR-Strategen der Bundesärztekammer erfanden eigens einen Kampfbegriff und warnten in den Medien vor "Expertokraten" im Gesundheitswesen. Das hat gewirkt. Die Gesundheitsministerin musste zurückrudern. "Jetzt wird das Qualitätszentrum als unabhängige Einrichtung im gemeinsamen Verantwortungsbereich von Ärzten und Krankenkassen liegen", stellt Freese zufrieden fest. Staatliche Kontrolleure bleiben draußen.

Was zeichnet einen guten Lobbyisten aus? Freese sagt, es sei die Fähigkeit, "Verbesserungsvorschläge gezielt in den politischen Raum hineinzutragen". Das kann mal über die Medien passieren, mal durch die Vermittlung eines Spitzengesprächs auf höchster Ebene, mal durch ein Telefonat mit dem Referenten eines Abgeordneten. Im Gesundheitswesen fällt es leichter, wenn man den kleinen Kreis der einflussreichen Leute persönlich kennt: zehn oder zwölf meinungsbildende Journalisten, zwei oder drei Politiker in jeder Bundestagsfraktion, außerdem die wichtigen Ministerialbeamten und nicht zuletzt die Vertreter der anderen politischen Verbände. Die nötige Fachkompetenz hat Freese sich im Arbeitsalltag angeeignet: Nach dem Studium der Geschichte, Politik und Anglistik arbeitete er in der Presseabteilung des Bundesverbands der Innungskrankenkassen und später in der Bundesärztekammer. Hier bestimmt er seit acht Jahren die Kommunikationsstrategien mit.

Die Bundesärztekammer beschäftigt in Köln und Berlin insgesamt 90 Mitarbeiter, darunter überwiegend Mediziner, aber auch Juristen und Wirtschaftswissenschaftler. Auch der Verband Forschender Arzneimittelhersteller ist interdisziplinär besetzt: 50 Mitarbeiter vertreten die Interessen der Pharmaindustrie gegenüber Politik und Öffentlichkeit, darunter Naturwissenschaftler, Betriebswirte, Juristen und Kommunikationsexperten. Als Referent für gewerblichen Rechtsschutz ist Loschwitz im VFA der Fachmann für Patentfragen. Im Jurastudium hatte er sich ursprünglich auf das Medien- und Urheberrecht spezialisiert.

"Es gibt immer wieder korruptive Auswüchse"