Berlin-Mitte. Kein schlechter Ort für ein Modelabel. Die Borsigstraße 30 ist ein geklinkertes Hochhaus, früher beherbergte es eine Kindertagesstätte, heute werden hier Büroräume günstig vermietet. An junge Leute mit vielen Ideen und nicht ganz so viel Geld, solche wie die vier Designerinnen, alle Mitte 20, die Pulver gegründet haben. "Man schlägt sich mit Stofffirmen und Bürokram herum. Aber es ist eben auch das Spannende, dass wir alles selber machen", sagt Franziska Piefke. Das sieht man schon an den Räumen: Die Pulver-Designerinnen haben einen Büroraum voller Leitz-Ordner, einen "Showing-Room" für Kunden, einen großen Raum mit Schneidetischen und einen vierten fürs Nähen.

Als Franziska Piefke, Elisabeth Schotte, Franziska Schreiber und Therese Pfeil im Herbst 2002 ihr Diplom in Bekleidungsgestaltung an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in der Hand hielten, waren zwei Dinge klar. Erstens: Sie wollten gern in Berlin bleiben. Zweitens: Die Situation in der deutschen Textilwirtschaft sah nicht gut aus. Pro Jahr schließen drei bis fünf Prozent der Unternehmen, im letzten Jahr ist der Umsatz um sechs Prozent gesunken. Gut geht es Ketten wie Zara, H&M oder Mango, die im unteren Preisbereich verkaufen und Einzelhandel und Produktion in einer Hand haben. Aber keine der Pulver-Designerinnen hatte Lust, in die Industrie zu gehen. "Jede Naht, die zehn Cent mehr kostet, geht nicht durch", sagt Franziska Schreiber. Also gründeten sie eine GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts), gingen zum Patentamt, um ihren Namen schützen zu lassen und versuchten bei Wettbewerben ihr Glück. Zusammen entwerfen sie neben einer kleinen Herrenkollektion vor allem Damenmode, die zugleich experimentell und tragbar sein soll und die Kundinnen länger als eine Saison begleitet. Dabei versuchen sie, die Modelle vor Ort zu produzieren, auf keinen Fall in den berüchtigten Sweat-Shops in Asien.

Und sie haben Erfolg. Im Januar 2003 gewannen sie das Stipendium für Jungdesigner der Bread-and-Butter-Modemesse in Berlin. "Das war der Punkt, von dem an es richtig losging. Es war das Beste, was uns passieren konnte", sagt Franziska Schreiber. Vom Stipendium können sie einen Messestand, ein Fotoshooting und einen Auftritt im Messekatalog bezahlen. Mehrere Vertreter haben Interesse, sogar Selfridge’s bestellt sich etwas nach London. Reich werden die Designerinnen davon erst mal nicht. "Wir müssen uns schon klar darüber sein, dass es drei Saisons dauert, bis man mit einer verkauften Kollektion die nächste finanzieren kann. Im Idealfall können wir in drei Jahren davon leben", meint Franziska Schreiber.

Leichter als die Designer haben es Textilingenieure und -betriebswirte mit der Stellensuche. Wer gut qualifiziert und zudem ortsungebunden ist, am besten bereit, ins Ausland zu gehen, kommt unter.

Schnüffeln in Mailand

Für Sandra Herdering war früh klar, dass sie neben dem Design vor allem die Produktion interessiert. Also studierte sie nach einer Schneiderlehre Bekleidungstechnik mit Schwerpunkt Bekleidungsentwicklung an der Fachhochschule Niederrhein. Dort musste sie sich unter anderem mit Physik, Betriebsmittellehre und Getriebelehre beschäftigen. "Ich habe mich oft gefragt, wozu ich all das brauche", sagt sie, aber heute kennt sie sich nicht nur mit Computerprogrammen für Schnitte, sondern auch mit Nähmaschinen aus. Ihren Arbeitgeber hat Sandra Herdering bei einer Uni-Exkursion gefunden, in Münchberg, einer bayerischen Kleinstadt.

Frankenwälder ist ein Familienunternehmen mit 1000 Mitarbeitern in Europa, die gehobene Mode für die Frau ab 40, bei ihnen heißt sie Best-Age-Frau, herstellen. Sandra Herdering trägt nicht Frankenwälder-Mode, sondern Tigerhose und Pantoletten, aber für sie spielt es auch keine Rolle, ob ihr die Produkte gefallen. "Es könnten meinetwegen auch Herrenhemden sein." Bei Frankenwälder schrieb sie ihre Diplomarbeit über die Prozessoptimierung der Schnittbildlegung. Dafür testete sie ein Computerprogramm, das die Schnittbilder legt – was früher noch per Hand gemacht wurde. Nebenbei befasste sie sich mit der Internet-Programmiersprache HTML, sodass die 25-Jährige heute als Projektleiterin für das Zeit- und Produktdatenmanagement verantwortlich ist.

Bei Frankenwälder werden noch 17 Prozent der Ware in Deutschland produziert. Dieser Anteil ist bei anderen Unternehmen deutlich niedriger. Deshalb betonen Experten aus der Textilbranche immer wieder, wie wichtig räumliche Flexibilität – neben entsprechender Qualifikation und Praktika – für Berufseinsteiger ist.