Kurz nach zwölf, Zweites Programm. Der Moderator der Heute- Nachrichten schaut ernst in die Kamera und sagt: "Michael Sahr in Frankfurt, wie reagieren denn die Aktienmärkte auf die trüben Aussichten am Finanzhimmel?" Dann sieht man einen jungen Mann, der irgendwo in der Frankfurter Börse steht. Während hinter ihm Börsianer in Hemden durchs Bild hasten, spricht er in ein orangefarbenes ZDF-Mikrofon: "Schlechte Konjunkturaussichten in Europa und dann die großen Finanzprobleme in Deutschland – da reagiert die Börse sofort drauf und zeigt leider die Rote Karte."

Michael Sahr hat geschafft, wovon viele träumen. Er steht vor der Kamera, in Sendewochen dreimal täglich. Um 8.45 Uhr im Morgenmagazin, um 12 Uhr in den Heute- Nachrichten und um 13.45 Uhr im Mittagsmagazin. "Börsenschalte" heißt der erste Auftritt, den zweiten nennt Sahr "Wasserstandsmeldung". Die dritte "Schalte" ist mit fünf Minuten die längste. "Da ist sogar ein gebauter Bericht drin, wo man auch über den Tag hinausschauen kann", sagt Sahr.

Wenn man ihn im Fernsehen sieht, als ruhenden Pol in einer schwankenden Welt der Aktienkurse, könnte man denken, dass er nie etwas anderes machen wollte. Tatsächlich gründete Michael Sahr bereits als Schüler einen "Aktienclub", wo sie das Einmaleins der Börse lernten. Sein ganzes Vermögen, etwa 200 Mark, investierte er damals in eine Viag-Aktie, mit den Freunden vom Aktienclub fuhr er nach Bonn zur Hauptversammlung. Dann kam der große Börsencrash, und Michael Sahr tat, was man auf keinen Fall tun darf, wie er heute weiß. Er geriet in Panik und verkaufte mit Verlust.

Später drängten sich andere Interessen in den Vordergrund. Ein Semester lang studierte er noch Betriebswirtschaft in St. Gallen, doch schon nach wenigen Tagen plagten ihn Zweifel. "Ich stellte fest, dass da meine Interessen auf der Strecke blieben", sagt er. Die Interessen, das waren Sport, Kunst, Kultur. Nach den Vorlesungen in St. Gallen schlich Michael Sahr sich immer in die Bibliothek, um die Mozart-Biografie von Norbert Elias zu lesen. Die faszinierte ihn viel mehr als das wirtschaftswissenschaftliche Studium.

Nach einem Semester inneren Kampfes tauschte er St. Gallen gegen Tübingen ein, die rosigen Berufsaussichten der Betriebswirtschaft gegen die Ungewissheit eines Magister-Studiums der Rhetorik, Philosophie und Kunstgeschichte. "Mein Vater hat mich da sehr unterstützt", sagt Michael Sahr. Er brachte ihn auch auf die Idee, nach Tübingen zu gehen.

In Tübingen konnte Michael Sahr sich endlich mit den Dingen beschäftigen, die ihn interessierten. Gleich im ersten Semester Rhetorik kam er in eine Veranstaltung, "da standen die Studenten, schüttelten sich und wackelten mit den Köpfen", denn Sprachtraining gehörte auch zum Rhetorikstudium, und Michael Sahr dachte: "Das kann man studieren? Wow!"

Wünschen hilft noch immer

In Tübingen leistete er sich den Luxus, die antiken Philosophen zu lesen und sich mit Fragen zu beschäftigen wie: "Was macht ein Leben zum guten Leben?" Er las so lange, bis er die Autoren fand, die ihm aus der Seele sprachen. In Rhetorik waren das zum Beispiel Stefan Zweig oder auch Joachim Fest mit seiner Hitler-Biografie. "Ich habe Leute bewundert, die in einfachen Sätzen Dinge sagen, wo einem ein Licht aufgeht", sagt Michael Sahr. Genau das versucht er selbst auch, und sei es in den Börsennachrichten, "immer einfach, klar und verständlich etwas möglichst Wahres zu sagen".