Verdammt schlechte Aussichten wären das gewesen für RTL-Superstar Alexander Klaws. Kein Dieter Bohlen in der Jury, sondern Popmusikexperten mit Nachhaltigkeitsanspruch. Auf der Suche nach "Musikerpersönlichkeiten" unter den Kandidaten, die sich um Aufnahme in Deutschlands erste Pophochschule bemühen. Der Superstar, den Deutschland angeblich gesucht hat, "hätte es bei uns sehr, sehr, sehr schwer gehabt", sagt einer der Juroren.

Johanna Zeul hingegen hat das Zeug zur Musikerpersönlichkeit. Die Tochter eines Liedermachers schrieb ihren ersten Song mit 13, hatte ihre Bühnenpremiere mit 15 und hat mit 22 Jahren jegliche Bescheidenheit in ihren Ansprüchen abgelegt: "Ich will, dass die ganze Welt meine Musik zu hören bekommt." Fürs Erste möchte sie jedoch vor allem eins – raus aus Reutlingen, wo es so schwer sei, auf gute Musiker zu treffen. "Seit 1000 Jahren schon" fahndet sie nach einer Band. In Mannheim will sie sie finden.

"Popdesign" heißt der Studiengang, mit dem die neu geschaffene Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim angehenden Showstars in drei Jahren die Grundlagen des Metiers vermitteln will. Ausgebildet werden unter anderem Sängerinnen, Songwriter, DJs und Producer. In Sachen Popausbildung hatte Deutschland bislang wenig zu bieten. Während Ex-Beatle Sir Paul McCartney in Großbritannien schon vor acht Jahren sein Liverpool Institute for Performing Arts gründete, gab es hierzulande nur einen Fortbildungskurs in Hamburg und einen Lehrgang in Dinkelsbühl. Das soll sich ändern. 54 Studenten will die Hochschule jedes Jahr aufnehmen. Sie haben die Wahl zwischen den Studiengängen Popdesign und Musikbusiness. Die Nachfrage ist groß, schon bei der Premiere bewarben sich 700 Kandidaten – dabei hatte die Akademie zu diesem Zeitpunkt noch kaum für sich geworben. Da schreckte auch die Studiengebühr nicht ab: Immerhin 500 Euro kostet das Studium pro Semester. Erspart bleibt die Gebühr nur Bafög-Beziehern.

Wie produziere ich in vier Wochen einen Hit?

Wer sich beim Vorsingen, Vorspielen und den schriftlichen Prüfungen durchsetzen konnte, darf bald ins neue Akademiegebäude in der Hafenstraße, zwischen verfallenden Backstein-Industriebauten und rostenden Kränen. Noch residiert die Akademie aber in der Innenstadt auf zwei Büroetagen mit dem Charme eines Finanzamts: holzgetäfelte Konferenzräume, graue Wandschränke und schlichte Deckenstrahler. Eine popfreie Zone eigentlich, gäbe es nicht den künstlerischen Leiter Udo Dahmen.

Der Professor ist schon seit Jahren an deutschen Bildungseinrichtungen in Sachen Pop unterwegs. Nun ist der 52-Jährige in Baden-Württemberg angekommen; im "Ländle", das so erstaunlich viele erfolgreiche Musiker und Bands hervorgebracht hat, wie er sagt. Laith al Deen, Pur, Jule Neigel, Fool’s Garden, Massive Töne, Die Fantastischen 4, den Freundeskreis – und Xavier Naidoo mit seinen Söhnen Mannheims. Naidoo ist so wichtig für die Akademie wie kein anderer Musiker. Weil er dem Haus gleich in dreifacher Rolle dient: als Gelegenheitsdozent, zahlungskräftiger Förderer und Aushängeschild.

Die Lehrveranstaltungen klingen knallig. Wie produziere ich einen Hit? heißt eine beispielsweise. Lerndauer: vier Wochen. Der Lehrplan setzt auf Projektarbeit, aber auch darauf, möglichst viele Aspekte des Musikgeschäfts anzureißen, mit der Option auf Vertiefung.

Denn die Studenten müssen keineswegs allein auf das Bühnenleben vorbereitet werden. Sie sollen später am Ball bleiben können in einem Umfeld, in dem Menschen ihre Jobs wechseln wie Chamäleons die Farbe. "Patchwork-Karrieren sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel", sagt Udo Dahmen. "Es gibt sehr viele Leute, die als Instrumentalisten oder Sänger beginnen und im Laufe von zwei, drei Jahren mehr und mehr komponieren. Dann werden sie Producer, gründen vielleicht ein Studio oder einen Verlag oder sogar ein eigenes Label", sagt Dahmen. "Change Management" heißt die Philosophie, die bei solchen Lebensläufen hilfreich sein soll. Wer sich in Mannheim aufs Showgeschäft vorbereitet, hat deswegen auch reichlich trockenen Stoff zu pauken: Fast die Hälfte des Lehrplans dreht sich um das Musikgeschäft – und damit um Fragen wie Steuern oder Marketing. Solche Themen sind nicht unbedingt wichtig für die Bühne, aber vielleicht sehr hilfreich für das Leben danach.