Eigentlich wollte ich nach dem Abitur ein Soziales Jahr machen, aber dann bin ich nach der 12. Klasse in den Sommerferien nach Kanada gereist, und plötzlich wusste ich, dass ich etwas anderes will. Etwas ganz anderes.

Ich war mit zwei Freundinnen unterwegs. Wir waren auf dem Weg zum Campbell River auf Vancouver Island, da wurden wir von zwei jungen Kanadiern aufgelesen: "Ihr wollt Kanu fahren? Da müsst ihr zur Strathcona Park Lodge, das ist "the shit" .

"The shit" kann ich in diesem Zusammenhang nur mit "erste Sahne" übersetzen, denn diese Lodge ist der Ort, wo ich mein Glück fand. Hier, direkt am Campbell Lake, waren nicht nur Touristen, sondern auch junge Leute, die sich zu Outdoor-Trainern ausbilden ließen. Als ich zurück nach Nürnberg musste, war ich todunglücklich, aber ich hatte einen Plan: Erst Abi, dann "Colt".

Colt steht für Canadian Outdoor Leadership Training. Wer dieses Programm absolviert, ist Outdoor-Trainer. "Kannst du so was nicht beim Alpenverein machen?", fragten meine Eltern. Aber ich wollte nach Kanada. Also habe ich gespart: Umgerechnet 6000 Euro kostet das Programm. Dafür habe ich um drei Uhr morgens Zeitungen ausgetragen, bis in die Nacht Babys gesittet und auf der Straße Gitarre gespielt.

Der 100-Tage-Intensivkurs in Kanada war die schönste Zeit meines Lebens. In jeder Gruppe sind zehn Menschen aus der ganzen Welt. Bei mir war ein Geologe aus Manhattan, ein Junge aus Japan, ein Soldat der kanadischen Armee. Alle waren zwischen 19 und 29 Jahre alt, und alle ziemlich fit. Wir machten einen Kanulehrerschein, einen Seekajakführerschein, Erste-Hilfe-Kurse und lernten, unter Extrembedingungen Menschen zu retten.

Nur einmal gerieten wir selbst in eine heikle Situation: Zwei Tage waren wir bei einer Bergtour im Zelt eingeschneit. Ich dachte, dieser Kurs war so teuer, jetzt müsste doch ein Rettungshubschrauber kommen. Angst hatte ich nicht, nur Respekt.

Nach der Ausbildung arbeitete ich in der Lodge. Ich machte Touristen fit für die Wildnis. Und ich begleitete Jugendliche, die zugleich fit fürs Leben gemacht werden mussten. Weil sie unter Essstörungen litten, Drogenprobleme hatten, weil sie orientierungslos waren, nicht nur in den Wäldern von British Columbia. Ich habe versucht zu zeigen, was wichtig ist im Leben. Das geht ganz gut, wenn man draußen in der Wildnis ist und aufeinander angewiesen ist.

Danach ging ich nach Guatemala-Stadt und kümmerte mich um Straßenkinder. Auch hier gab es heikle Situationen, aber was ich in Kanada über Psychologie und Gruppendynamik gelernt hatte, half mir. Jetzt lebe ich in Köln. Ich habe angefangen, Sozialpädagogik zu studieren. Vielleicht eröffne ich später mal ein Zentrum für Resozialisierung. Wenn man mit Menschen arbeiten will, funktioniert das eigentlich auch ohne Bären, Pumas und riesige Wälder.