Natürlich wird in diesen Tagen in der CDU wieder viel über Angela Merkels Herkunft gesprochen. Über ihre Sozialisation im Sozialismus, die, wir sind uns da nicht sicher , dafür verantwortlich sein könnte, dass sie grundsätzlich jedem Staat misstraut; dass sie Freiheit vor Gerechtigkeit und Solidarität nennt, wenn sie über die Grundwerte der CDU spricht; kurzum, dass sie, aber bitte nicht zitieren , der Partei einen Richtungsstreit zumutet, dessen wahre Dimension sie möglicherweise gar nicht erkannt hatte, als sie in ihrer Rede vom 1. Oktober einem radikalen Umbau des Sozialstaats bundesrepublikanischer Provenienz das Wort redete.

Nun spricht zwar wenig dafür, dass die stets kühl kalkulierende CDU-Chefin ausgerechnet diesmal nicht wusste, was sie tat. Auch der Triumphalismus, mit dem der Sauerländer Friedrich Merz in Merkels Windschatten die Austreibung des Sozialdemokratismus aus der Union feiert, untergräbt die Theorie von der Frau aus dem Osten. Schließlich lag Brilon, Merz’ Heimat, vom Rhein aus betrachtet diesseits der Mauer. Nein, spektakulär an Merkels Plädoyer für die Kopfpauschale ist nicht die Ahnungslosigkeit, die ihr wieder einmal unterstellt wird, sondern im Gegenteil die Präzision, mit der sie die Grundsaiten ihrer Partei in Schwingung gebracht hat. Vor allem der Arbeitnehmerflügel der CDU, die so genannten Sozialausschüsse (CDA), fühlt sich herausgefordert.

Aber stimmt es, wenn Norbert Blüm, der ehemalige Arbeitsminister, und Heiner Geißler, der einstige Generalsekretär, nun Merkel vorwerfen, dass sie mit ihrem Votum für die Ergebnisse der Herzog-Kommission die Grundfeste der CDU schleift? Hat die FAZ Recht, wenn sie die Partei in einer Art Kulturkampf wähnt, bei dem der "von der katholischen Soziallehre beeinflusste rheinische Kapitalismus gegen den protestantisch fundierten Wirtschaftsliberalismus" antritt?

Die Auseinandersetzung zwischen Wirtschaftsliberalen und Christsozialen – zwischen der Mittelstandsvereinigung auf der einen und den Sozialausschüssen auf der anderen Seite – gehört seit jeher zum Alltag in der CDU. Doch allein damit lässt sich der aktuelle Aufruhr nicht erklären. Wenn man verstehen will, warum eine auf den ersten Blick ziemlich technische Auseinandersetzung um Umlageverfahren oder Kapitaldeckung in einem Grundsatzstreit eskaliert, muss man ein paar Seiten zurückblättern im großen Buch der CDU – zurück in die letzten Jahre der Ära Kohl.

1995 wurde in Deutschland die umlagefinanzierte Pflegeversicherung eingeführt. Was heute, nur acht Jahre später, wirkt wie ein letztes Hurra des klassischen Sozialstaats, sollte auch für den Arbeitnehmerflügel in der CDU und ihren Protagonisten Blüm der letzte große Erfolg sein. Anfang 1996 platzte das Bündnis für Arbeit, am 13. September desselben Jahres erlebten die Sozialausschüsse ihren "schwarzen Freitag": CDU, CSU und FDP beschlossen im Bundestag nach langen internen Auseinandersetzungen die Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie eine Lockerung des Kündigungsschutzes. Vor allem Wolfgang Schäuble, der damalige Fraktionsvorsitzende, und Norbert Blüm, der 16 Jahre lang das soziale Gewissen der Regierung Kohl verkörperte, waren im Vorfeld der Entscheidung heftig aneinander geraten.

Zwei Jahre später, nach der Niederlage bei der Bundestagswahl 1998, wiederholte sich die Auseinandersetzung unter anderen Vorzeichen. Schäuble war Parteivorsitzender geworden; Blüm blieb – zum Missfallen Schäubles – vorerst Stellvertreter. Doch als es darum ging, die Aufgaben in der Partei neu zu verteilen, berief Schäuble nicht Blüm, sondern Christian Wulff an die Spitze einer Kommission, die für die CDU ein neues sozialpolitisches Programm ausarbeiten sollte. Das war weit mehr als eine Personalie. Denn Wulff, damals noch nicht Ministerpräsident, war kein ausgewiesener Sozialpolitiker, sondern zählte zum wirtschaftsliberalen Flügel der Partei. Ähnlich wie später in der Herzog-Kommission blieben die Vertreter der Sozialausschüsse ausgerechnet in dem Gremium, in dem ihre ureigenen Anliegen verhandelt wurden, in der Minderheit. Schon damals, im Sommer 2000, veranstaltete die CDU übrigens Kongresse zur Zukunft des Sozialstaats, auf denen Norbert Blüm ungestraft ausgepfiffen werden durfte. Versteht man die Vertreter des Arbeitnehmerflügels in der CDU richtig, dann würden sie wohl auch heute lieber auf die Unterstützung ihres einstigen Helden verzichten. Blüm sei der Protagonist einer anderen Zeit, "diese Zeit kann man nicht über die Jahrtausendwende retten", sagt der Bundestagsabgeordnete Uwe Schummer, 45, der lange Zeit Pressesprecher der CDA war.

Man könnte den kurzen historischen Rückblick an dieser Stelle abbrechen und die Frage nach dem Einfluss, den die Sozialausschüsse in der CDU noch haben, knapp beantworten: wenig. Man könnte diese Antwort auch noch mit dem Hinweis untermauern, dass die Mitgliederzahl der CDA, die ohnehin nie besonders eindrucksvoll war, mittlerweile auf nur noch 20000 gesunken ist. Und doch hätte man mit diesen Daten nicht erklärt, warum der CDA-Vorsitzende Hermann-Josef Arentz heute überhaupt noch in der Lage sein soll, eine Art Kulturkampf vom Zaun zu brechen – und warum die CDU-Vorsitzende Merkel sich in diesen Tagen besonders intensiv um den Arbeitnehmerflügel der Partei bemüht.

Die Erklärung besteht aus einem nostalgischen Teil: aus dem Hinweis auf die Traditionslinien der Partei, auf die katholische Soziallehre und den rheinischen Kapitalismus. Und sie besteht aus einem handfest-gegenwärtigen Teil, denn ohne Unterstützung aus dem Arbeitnehmerlager wird die CDU auch in Zukunft keine Wahl gewinnen. Obwohl die Sozialausschüsse in der CDU immer in der Minderheit waren, legitimieren sie bis heute den Anspruch der Christdemokraten, Volkspartei zu sein. "Die Parteiführung wäre mit dem Klammerbeutel gepudert", sagt CDA-Chef Arentz, "wenn sie wichtige Teile der Partei und der Wähler ausschließen würde."