Distanz nehmen fällt schwer. Ganz China scheint an diesem Oktobertag überwältigt von der Freude über den Erfolg des ersten bemannten Raumflugs in der chinesischen Geschichte. "Wir fliegen in den Weltraum", titelt am Morgen die führende Pekinger Tageszeitung "Youth Daily" in bewusst naiver Begeisterung. Mit der gleichen gezielten Unbefangenheit formuliert Astronaut Yang Liwei tags zuvor die ersten chinesischen Worte im Weltall: "Das Gefühl ist ganz gut". Statt Treuesprüche ans Mutterland zu funken, wie man es von einem ehemaligen Kampfpiloten der Volksbefreiungsarmee auch hätte erwarten können, beschränken sich Yangs Weltraumbotschaften aufs Reiseerlebnis: "Die Landschaft im Weltraum ist wunderschön".So ist das offizielle China mit seinen kommunistisch gelenkten Medien bemüht, triumphalistische Gebärden auf seiner großen Weltraumfeier zu vermeiden. Man weiß, das Ereignis spricht für sich. "Zuschauen wie China zur dritten Raumfahrt-Großmacht aufsteigt", empfiehlt ein Artikel der "Youth Daily". Nur am Rande wird hier gestreift, worum es politisch eigentlich geht. Denn natürlich will China von nun an noch ein bisschen mehr Großmacht sein, als es sich das bisher zutraute.Vielleicht ist ja richtig, was der ehemalige NASA-Mitarbeiter James Oberg kürzlich der "Financial Times" anvertraute: "Der Raumflug ist ein Multiplikator: Er macht jede chinesische Rakete bedrohlicher, jeden chinesischen Exportfernseher wertvoller, und jeden Befund eines chinesischen Wissenschaftlers glaubwürdiger". Demnach würden wir nun alle etwas mehr Respekt vor China haben. Selbst wenn das die Kommunisten in Peking freut, muss das nicht schädlich sein. Denn Chinas Weltraumerfolg liefert sicherlich ein erhellendes Schlaglicht auf Potential und Dimension der Fortschrittsdynamik in der Volksrepublik, die zu begreifen für den Westen immer wichtiger wird.Und doch begleitet alle Versuche, sich mit den Chinesen über ihr neues Weltraumglück zu freuen, auch die Ahnung von einem manipulierten Glück. Wie sich zunächst die gesamte chinesische Medienlandschaft zu dem Thema in Schweigen hüllte, um einen Fehlschlag auch in letzter Minute noch kaschieren zu können, und dann erst nach erfolgreichen Start zum Rundumschlag ausholt – das demonstriert auch am Tag von Chinas größten Erfolg, wie stark kontrolliert das Denken in der Volksrepublik bis heute ist. Wie gut also müssten die chinesischen Weltraumforscher erst sein, wenn sie frei wären?