Der Fluch einer bösen Tat kann auch denjenigen ereilen, der sie nicht begangen hat. Guido Westerwelle ist für den Tod von Jürgen W. Möllemann nicht verantwortlich, er hat den Mann bekämpft, wie man einen innerparteilichen Gegner, der keine Verwandten mehr kennt, eben bekämpfen muss. Trotzdem führt die tragische Affäre den FDP-Vorsitzenden nun in seine zweite große Krise: Die Liberalen kommen in der Öffentlichkeit kaum noch vor, bei Umfragen krebsen sie an der Fünfprozenthürde herum, Westerwelles Popularität nimmt ab - und das alles in einer Zeit, da der Liberalismus boomt.

Bei einer solchen Kluft zwischen den glänzenden Möglichkeiten der FDP und ihren trüben Realitäten wird von Parteifreunden natürlich auch der Vorsitzende infrage gestellt. Dass er, der alerte, fast immer wie angeknipst wirkende Westerwelle auf die Krise und die Kritik keine Antwort findet, liegt schlicht daran, dass er und die FDP die letzten beiden Schreckensjahre rasch verdrängt und falsch verstanden haben.

Im Kopf von Westerwelle stellt sich diese Zeit so dar: Alles war gut - außer Möllemann. Alles andere war richtig, das Projekt 18 mit seiner Volksparteimimikri, die Unabhängigkeitsstrategie, die Kanzlerkandidatur.

Dabei war das alles schon Anfang des Jahres 2002 falsch. Das Projekt Autosuggestion, Autonomie und Gier ermöglichte es der FDP lediglich, auf leichte Art die Widersprüche zwischen der Klientelpartei (für Beamte, Apotheker, Versicherungen, Handwerker), der ordoliberalen Partei (die alle Privilegien abschaffen will, die die Klientelpartei verteidigt) und den sentimentalen Sozialliberalen zu vertuschen. In der 18-Prozent-Blase hatten alle Platz. So erlag man unter Liberalen einem kleinen kollektiven Wahn, den einer jedoch ganz, ganz ernst nahm, als er schließlich zum vermeintlich populistischen Zaubermittel, dem Antisemitismus, griff.

Heute ist diese Strategie, an der Westerwelle festhält, um den Möllemann-Tod aus dem Gesichtskreis der Partei herauszuhalten, noch falscher. Die Unabhängigkeitsstrategie - die den FDP-Chef unter anderem in wirre Manöver beim Bundespräsidenten führte - ist durch den Treueschwur zwischen Schröder und Fischer obsolet geworden. Und die Volksparteiperspektive führt nur dazu, dass das Profil der FDP verwischt. Dabei kann, wenn die wahren Volksparteien Teile des liberalen Programms übernehmen, die Rolle der FDP nur sein, diesen Weg klarer, reiner, freier zu gehen, einziges Original unter lauter Fälschungen. Stattdessen bedient sie ihre üblichen Klientelinteressen, während Guido Westerwelle unablässig betont, seine Partei sei auch für die leistungsbereite Krankenschwester eine gute Adresse. Was natürlich keine Krankenschwester glaubt.

Dass er die Möllemann-Affäre nicht richtig verarbeitet hat, macht Westerwelle also heute unfähig, das Naheliegende zu tun. Das werfen ihm mittlerweile weniger die Parteigranden vor als die gleichaltrigen Parteikollegen in den Ländern. Das wiederum ist für den lange so erfolgreichen Westerwelle richtig gefährlich. Fluch der bösen Tat.