Eigentlich ist auch das alles Natur!" In weitem Bogen lenken Bernd Heusingers Arme den Blick von der Backsteinfabrik über Autowerkstatt und Gascontainer bis zur befahrenen Straße vor dem Schlesischen Tor. "Schließlich ist das einer der Lebensräume des Menschen", fährt er fort, "wie er ihn seiner Natur gemäß gestaltet hat."

Doch in der Mittagspause verabredet sich auch der Kreuzberger Werbefachmann, der unter anderem die Grünen berät, lieber im gegenüberliegenden Café Freischwimmer. Am Ufer des Spreekanals ist das Gesichtsfeld gnädig zugewachsen von üppigem Grün; Enten und Schwäne ziehen ihre Bahnen. Der PR-Mann, dessen Agentur mit ihrem Namen Zum Goldenen Hirschen auf das glückliche Landleben anspielt, weiß sehr genau, dass die meisten Leute in ihrem verbauten Alltag mit Natur etwas ganz anderes verbinden als einen Großstadtdschungel, nämlich "das Lebendige. Das Ideal. Die idyllische Gegenwelt."

Eine distanzierte Blässe der Farben, ein leicht ironischer Umgang sei allerdings heutzutage geboten, betont Heusinger, wenn High-Tech-Produkte wie Geländewagen oder Computer mit Wasserfällen oder Blumenwiesen lockten. Allzu glühende Sonnenuntergänge, allzu üppige Lieblichkeit schreckten entfremdete Städter mit Heuschnupfen eher ab. "Aber eigentlich sehnen sich nach wie vor alle nach der Wildnis. Und noch mehr nach der sauberen, ungefährlichen, fehlerfrei schönen Natur."

Tatsächlich ist die Übereinstimmung bei kaum einer Sache vergleichbar groß. Alters- und weltanschauungsübergreifend meinen 91 Prozent der Bundesbürger, die "landschaftliche Schönheit und Eigenart unserer Heimat" solle erhalten und behütet werden. 89 Prozent meinen, das Lebensrecht von Pflanzen und Tieren sei zu achten; dieser "Eigenwert" der Natur ist jüngst im neuen Bundesnaturschutzgesetz erstmals verankert worden. Über 60 Prozent der Deutschen finden den Naturschutz "wichtiger denn je", weitere 28 Prozent meinen, er habe "im Großen und Ganzen" Priorität. 4,4 Millionen Bürger sind Mitglieder in Umweltverbänden, fast 3,8 Millionen in Naturschutzorganisationen; und auch wenn diese Zahlen Doppelmitgliedschaften einschließen, sind das mehr als in den politischen Parteien.

Die seit den siebziger Jahren verbreiteten Ängste vor Verstrahlung und Vergiftung von Mensch und Tier allerdings sind verblasst, ebenso wie das daraus folgende breite Bekenntnis zum Schutz der "Umwelt", ein Schlagwort, das damals aufkam; es bezeichnete die von der Gesellschaft geformte, stets als gefährdet angesehene Natur. Auch wenn immer noch 91 Prozent der Interviewten dem Umweltschutz hohe Bedeutung beimessen, fiel er laut Umweltbundesamt bei der Frage nach den wichtigsten Problemen mit 51 Prozent der Nennungen Ende der neunziger Jahre auf den achten Platz zurück.

Die Ernüchterung hat Gründe: Arbeit, Renten, Gesundheit gelten heute als brisantere Themen. Außerdem sind Luft und Flüsse nicht zuletzt dank der Umweltbewegung tatsächlich sauberer geworden. Selbst die Deutsche Post fühlt sich heute verpflichtet, vorzurechnen, dass ein 20-Gramm-Brief auf seinem Lkw-Transport von München nach Stuttgart exakt 18 Gramm CO2-Äquivalente emittiert. Insgesamt scheint das Thema in der grünen Partei, in Umweltämtern, -abteilungen und -audits institutionalisiert, professionalisiert.

Doch weil zugleich die selbst gesteckten Ziele zur Klimaverbesserung nicht erreicht oder weiterhin täglich rund 125 Hektar Fläche zubetoniert werden, verlagert sich das intensive Gefühl für die Umwelt von derart komplizierten Problemen entlastend auf das Einfache, Positive: Parallel zur sinkenden Sorge um die bedrohte Natur sei das "Maß an Sensibilisierung" für ihre existenzielle Bedeutung und Schönheit angestiegen, so das Umweltbundesamt. Natur hat Konjunktur.

Auf einer Tour durch den Bayerischen Wald mit dem Umweltkiller Nummer eins, dem Auto, erfährt man jedoch schnell, wie konfliktträchtig, vielfältig gebrochen, oft scheinheilig die große Einigkeit tatsächlich ist. Natürlich nicht unter den professionellen Naturfreunden wie Wolfgang Nerb, der zunächst unser Begleiter ist und beim Landesbund für Vogelschutz das Revier zwischen Oberpfalz und Niederbayern betreut. Von diesen meist ehrenamtlich passionierten, manchmal auch eigenbrötlerischen bis missionarischen Aktiven kann der bärtige Regensburger nur schwärmen, der selbst im Zivildienst "vom Naturschutz angefixt" wurde: wie sie ihren Urlaub opfern, um Tag und Nacht am Horst eines der fünf letzten Brutpaare des Wanderfalken der Gegend Schmiere zu stehen. Wie sie meilenweit laufen für den Anblick einer Kleinen Zangenlibelle.