Vielleicht liest der Mann, den die Kriminaloberrätin und Hobby-Langstreckenläuferin Andrea Scheuten seit eineinhalb Jahren sucht, diese Geschichte. Vielleicht, sie kann da nur spekulieren, sie weiß ja kaum etwas von ihm. Aber möglich ist es, und deshalb kommt es immer wieder vor, dass die Kriminaloberrätin Scheuten nach ein paar Sätzen sagt, dass man das jetzt aber nicht alles schreiben dürfe. Man kann das verstehen, womöglich wüsste sonst der Mann, den sie finden will, am Ende dieser Geschichte mehr über Andrea Scheuten als sie über ihn. Und diese Vorstellung hat selbst in ihrem weißen Büro im Polizeipräsidium Bochum etwas Bedrohliches. Denn der Mann, den Kriminaloberrätin Scheuten seit dem Sommer des vergangenen Jahres zu finden versucht, hat 17 Frauen vergewaltigt und es bei 4 weiteren versucht.

An einem Januartag 1994 begann am östlichen Rand des Ruhrgebiets etwas, für das ein Wort wie "Serie" unpassend klingt, denn es geht hier um 21 Menschen, und ihnen allen geschah, was mit Worten kaum zu erfassen ist und in der Sprache der Polizei so klingt: "Opfer war damals ein zu diesem Zeitpunkt gerade zwölfjähriges Mädchen, welches er in Sprockhövel im Grünbereich an den Straßen Haßlinghauser Straße/Im Kühlen Grund von hinten anging, mit einem Messer bedrohte und zu sexuellen Praktiken nötigte. Er drohte dem Kind mit Tötung, falls es nicht das täte, was er verlangte."

Wer "er" ist, das lässt sich im Oktober 2003 noch immer nicht sagen. Der Mann, der sich der Zwölfjährigen und danach den anderen Frauen und Mädchen zwischen 16 und 44 Jahren bei Dunkelheit von hinten näherte, bevor er ihnen ein Messer an den Hals hielt. Getötet hat er keine der Frauen, nie stach er zu, ein Messer im Dunkeln ist Drohung genug. Vor eineinhalb Jahren hat er sein letztes Opfer gefunden, danach versuchte er es noch zweimal, im Oktober und Dezember 2002. Er scheiterte, weil die Frauen sich wehrten. Eine trat ihm so heftig in die Genitalien, dass er zu Boden ging. Doch das Messer behielt er in der Hand, deshalb rannte die Studentin weg, statt ihm die Maske vom Gesicht zu ziehen. Kriminaloberrätin Scheuten weiß bis heute nicht viel mehr über den Mann, als dass er zwischen 1,75 und 1,80 Meter groß ist, außerdem schlank, dunkelblonde bis hellbraune Haare hat, zwischen 1962 und 1977 geboren wurde und dass er seiner Sprache nach aus dem Ruhrgebiet stammen muss. Doch nicht einmal das weiß sie mit letzter Gewissheit.

"Sie könnten also unser Täter sein", sagt sie, nachdem sie ihren Gesprächspartner ein paar Sekunden lang angesehen hat. Sie lacht dann leise, und das trägt dazu bei, dass man die Frau schnell zu mögen beginnt. Denn mit diesem Satz gibt Andrea Scheuten zu, dass sie bei ihrer Suche nach dem Vergewaltiger kaum vorangekommen ist. Seit Juli 2002 leitet sie die EK Messer der Bochumer Kriminalpolizei: EK für Ermittlungskommission, Messer, weil diese Waffe eines der wenigen besonderen Merkmale des Täters ist.

Wochenlang hoffte die Ermittlerin, nachts werde das Telefon klingeln

Es ist bereits die zweite EK Messer, die erste gründete man 1997, als der Täter mehrmals kurz hintereinander zugeschlagen hatte. Die Beamten taten alles, was zu tun war, gingen allen Hinweisen nach, ohne am Ende mehr Vermutungen über den Täter gesammelt zu haben als die, mit denen Andrea Scheuten noch heute arbeitet. Und auch sie glaubten schon, dass er aus Sprockhövel stammt, der Kleinstadt, 20 Kilometer von Bochum entfernt, in der der Täter vor beinahe zehn Jahren zu vergewaltigen begann, bevor er nach Bochum, einmal nach Dortmund wechselte. Im April 1998 wurde die EK Messer aufgelöst. Als der Mann dann, im Sommer 2002, kurz nacheinander zwei Frauen vergewaltigte, beide nahe der Universität Bochum, gründete man die zweite EK. An ihrer Spitze Kriminaloberrätin Andrea Scheuten, 46, erst zwei Jahre zuvor nach Bochum versetzt.

Andrea Scheuten ist keine Frau, die einem auf der Straße auffiele. Sie ist klein, dünn, höchstens dass ihre Stimme voller und lauter klingt, als man erwarten würde, und dass sich auf den Unterarmen die Venen etwas stärker abzeichnen. Frau Scheuten kann einen Marathon in weniger als vier Stunden laufen. Und da ist ihr Blick, der stets in die Augen gerichtet ist und von dem man sich deshalb immer ein bisschen kontrolliert fühlt.

Die Ermittlerin Scheuten läuft noch immer in die Richtung, in die sie vor eineinhalb Jahren aufgebrochen ist. Damals hatte sie das DNA-Muster des Täters mit den Mustern aller Gewaltverbrecher abgleichen lassen, die europaweit in DNA-Dateien erfasst sind. Ergebnis: negativ. Mit der bundesweiten DNA-Datenbank war ein Bochumer Kollege, nach deren Einrichtung im Jahr 1998, bereits zum gleichen Ergebnis gekommen.