Die 253. Infanteriedivision war ein ganz normaler Truppenverband der Wehrmacht. Sie marschierte 1940 in Frankreich ein und rückte seit dem Beginn des Unternehmens Barbarossa im Juni 1941 durch Litauen und Lettland bis zur Wolga vor. Hier verbrachte sie 1942 das ganze Jahr mit Stellungskämpfen, bevor sie im März 1943 nach Süden in die Gegend um Orel verlegt wurde. Von Ende 1943 an war die Truppe in permanente Rückzugskämpfe verwickelt. Ihre Reste gerieten im Mai 1945 schließlich bei Prag in amerikanische Gefangenschaft.

Das Buch von Christoph Rass geht methodisch neue Wege. Denn in den Debatten um die Verbrechen der Wehrmacht hat noch niemand versucht, die Dynamik des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion auf der Ebene einer einzelnen Division zu analysieren. Dabei ist ein Mehr an Erkenntnis zu erhoffen, wenn der soziale Mikrokosmos eines Truppenverbandes mit den Gewalthandlungen und Mentalitäten seiner Soldaten in Beziehung gesetzt wird.

Rass beginnt seine Studie mit einer klassischen Strukturanalyse, welche die Sozialdaten aller eingesetzten Soldaten berechnet. Damit kann er zeigen, dass die soziale Homogenität der Truppe bis zum Kriegsende hoch blieb. Die Alterskohorte der 1911 bis 1915 Geborenen stellte den Großteil aller Soldaten, und gerade sie hatte zu drei Vierteln die nationalsozialistische Sozialisation in den Massenorganisationen des Regimes durchlaufen. Durch die Rückführung von Verwundeten zu ihrem alten Truppenteil war es möglich, den kameradschaftlichen Zusammenhalt in kleinen Primärgruppen zu erhalten und erfahrene "Ostkämpfer" als Rückgrat der Truppe einzusetzen.

Eine Analyse der Herrschaftspraxis anhand der Akten des Militärgerichts ergänzt das statistische Material und fördert aufschlussreiche Fallbeispiele zutage. So etwa die Geschichte jenes Wachtmeisters, der zusammen mit einem Veterinär im August 1944 einen polnischen Bauern erst bis zur Bewusstlosigkeit malträtierte und dann erschoss. Der Bauer hatte 24 Zigaretten gestohlen. Am Abend zuvor hatte der Wachtmeister mit ihm und seiner Frau noch beisammen gesessen und seinen Schnaps mit ihnen geteilt. Das Gericht verhängte fünf Tage Arrest gegen den Veterinär, der durch die körperliche Misshandlung seine "Würde" als Offizier verletzt habe. Rass verweist darauf, dass sich hier die gängige Anwendung des Kriegsgerichtsbarkeitserlasses vom Frühsommer 1941 zeigt, der die Verfolgung von Straftaten gegen die Zivilbevölkerung aufgehoben hatte.

Im letzten Schritt wird das Handlungsrepertoire der Division beschrieben. Es reichte von der Eroberung und Besatzung über die wirtschaftliche Ausbeutung des besetzten Gebietes bis hin zur Vernichtung durch die Politik der "verbrannten Erde" auf dem Rückzug seit 1943. Die 253. Infanteriedivision beteiligte sich an allen Stufen der Entgrenzung von Gewalt, welche durch die Entscheidungen der Truppenführung abgesichert waren. Bei der sofortigen Tötung von Kriegsgefangenen und bei der gewaltsamen Requirierung von Vieh zeigte sich die Radikalisierung auch des individuellen Verhaltens der Soldaten. Damit waren die Voraussetzungen für ein kaum bekanntes Kriegsverbrechen geschaffen.

Im März 1944 beteiligte sich die Division bei Osaritschi an der Deportation von mehr als 40 000 Zivilisten. Man verschleppte sie in das Niemandsland zwischen den sowjetischen und deutschen Truppen, wo die Rote Armee beim Einmarsch 9000 Tote vorfand. Den Tod vieler Menschen nahm man bewusst in Kauf, und bereits beim Zusammentreiben der Wehrlosen häuften sich die Erschießungen. Die 253. Division ging dabei im arbeitsteiligen Zusammenwirken mit anderen Fronttruppenteilen vor.

Die Dynamik des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion ist selten in solcher Dichte und Genauigkeit analysiert worden. Rass kann überzeugend darstellen, wie der institutionelle Rahmen, die Sozialstruktur der Soldaten und die Herrschaftspraxis der Militärjustiz zusammenwirkten, um die gewalttätige Kriegführung gegen die Sowjetunion zu einem kohärenten System zusammenzuschließen. Seine Studie zeigt aber auch, dass die Anwendung quantifizierender Methoden leicht zum Selbstzweck geraten kann. So legt Rass eindringliche Zahlen für den hohen Konsens vor, der die Truppe prägte und die wenigen Fahnenflüchtigen zu Außenseitern abstempelte. Aber warum hielt dieser Konsens bis in das Frühjahr 1945 hinein, obwohl die Verluste gerade seit dem Beginn des permanenten Rückzugs im Herbst 1943 in die Höhe schnellten?