Warnungen vor dem Wandel zählen in jedem konservativen Land zu den häufigsten öffentlichen Lebensäußerungen, auch in Deutschland. Zurzeit wird mit Blick auf die Sozialreformen allenthalben davor gewarnt, "das Kind mit dem Bade auszuschütten". Dazu muss man sagen, dass, um im Bild zu bleiben, in dieser deutschen Reformwanne noch kein Finger tief Wasser schwappt. Die Reformen, die diese Woche unter erheblichem theatralischem Aufwand verabschiedet werden, sind vernünftig, unausweichlich und schmerzlich. Und doch gehören sie noch in die Epoche der graduellen Veränderungen – man kann auch sagen: der politischen Halbherzigkeiten.

Wenn trotzdem so innig vor ihren womöglich schmerzhaften Folgen gewarnt wird, dann in der furchtsamen Ahnung, dass die gesellschaftlichen und ökonomischen Probleme Deutschlands auf eine viel tiefere Systemveränderung zutreiben. Und für diese liegen schon einige weitreichende Vorschläge vor: Herzog und Rürup, bald Kirchhoff und Merz stehen als Namen für die Programme heftiger systemischer Selbstkorrektur. Verwirklicht werden können all diese Vorschläge frühestens in vier Jahren, lange nach der nächsten Wahl. Dennoch spüren die Warner auf den linken Flügeln etwas Richtiges: Eine kleine Kulturrevolution hat begonnen, die den herrschenden Begriff von sozialer Gerechtigkeit radikal verändert. Jahrzehntelang ging es dabei nur um die Umverteilung zwischen oben und unten, Arm und Reich. Seit ein paar Jahren erst wird diese Sichtweise um die so genannte Generationengerechtigkeit erweitert, also um die Verteilung zwischen Alten und Jungen. Mittlerweile jedoch schleichen sich immer öfter Begriffe in die Gerechtigkeitsdebatte, die da auf den ersten Blick gar nicht hingehören und die sich merkwürdig sperren gegen die Paar-Euro-mehr-oder-weniger-Logik. Es sind die Begriffe Verlässlichkeit und Einfachheit.

Wieso das, was allzu kompliziert ist, nicht gerecht sein kann, zeigt unser Steuersystem. Das Geflecht aus Erleichterungen und Erschwerungen, Staffelungen und Ausnahmen verschleiert die Umverteilungswirkungen so sehr, dass am Ende der Fleißige der Dumme ist – und der Dumme ist auch derjenige, dessen Zeitbudget, Bildung oder auch Gerissenheit nicht ausreichen, um daraus einen Vorteil zu schlagen. Ein weiteres schlagendes Beispiel ist die Riester-Rente, die nicht deswegen unsozial ist, weil sie die Menschen dazu drängt, sich um die eigene Altersvorsorge zu kümmern, sondern weil sie, so sagte es diese Woche eine grüne Sozialexpertin, so unverständlich ist "wie der Schaltplan eines Kraftwerks".

Das Prinzip Ungerechtigkeit aufgrund allzu großer Komplexität findet sich mittlerweile fast überall, auch in den Reformen dieser Wochen. Wer weiß schon, wie er mit Bonusheften, Hausarztbesuchen und Zahnversicherungen am billigsten zur besten Gesundheit gelangt? Wenn aber das Einfache gerechter ist als das Komplizierte, was wird dann aus all den Komplexitätsnutznießern, den Steuerberatern und Krankenkassen-Aufsichtsräten und was vor allem aus den geschickten Profiteuren des Systems? Und wenn einfach gerecht ist, warum soll dann nicht doch sozial sein, was Paul Kirchhoff will: ein dreistufiges, ausnahmearmes Steuersystem?

Die Schwachen verlieren

Das Streben nach Einzelfallgerechtigkeit hat all unsere Steuer- und Sozialsysteme hyperkomplex und damit ungerecht gemacht. So wie sich das Bemühen, bei Rente und Gesundheit jederzeit und für jeden zuverlässig zu sein, verkehrt hat in eine allgemeine Unsicherheit. Die Zweifel an der Zukunft der Rente sind mittlerweile wahrscheinlich noch größer als die Löcher in der Rentenkasse, ihre Legitimation schrumpft also noch schneller als ihre Liquidität. Damit können nur die am besten leben, die die stärksten Nerven, die sichersten Festgeldanlagen und die teuersten Immobilien besitzen. Unzuverlässigkeit geht ebenso wie Komplexität zulasten der Schwachen. Insofern hat Angela Merkel ganz Recht, wenn sie gegen Norbert Blüm darauf besteht, es gehöre zum Kern der Gerechtigkeit, dass sie verlässlich sei. Natürlich, bisher galten Verlässlichkeit und Einfachheit allenfalls als Sekundärtugenden der Gerechtigkeit. Doch durch die bürokratische Weise des Staates, soziale Gerechtigkeit verwaltend zu sichern, sind sie vordringlich geworden. In Zukunft ist es weniger wichtig, wie viel verteilt wird als wie das geschieht. Umverteilung wird zu einem Nebenwiderspruch. Das neue Motto der Sozialpolitik muss lauten: Bescheidener, aber verlässlicher; weniger, aber verständlicher. Und vor allem: Endlich gerechter.