Nicht selten geschieht es, dass die messemüden Zuhörer in den sonntäglichen Weihestunden der Friedenspreis-Verleihungen einfach wegdösen. Kritik, nicht Lobpreisung ist das Wesen der Aufklärung und seines angestammten Mediums, des Buches. Ehrungen großer Autoren sind bisweilen langweilig, zumal sie oft als Nachrufe zu Lebzeiten daherkommen.

Am vorigen Sonntag war das anders. Die amerikanische Preisträgerin Susan Sontag eröffnete ihre Dankesrede mit vehementer Kritik am Botschafter ihres Landes. Der hatte bereits im Sommer erklärt, der Verleihung des wichtigsten deutschen Preises in Frankfurts Paulskirche fernzubleiben. Dass er damit nicht nur die Geehrte, sondern auch die Ehrenden brüskierte, war ihm egal. So entging ihm eine der klügsten Darstellungen der deutsch-amerikanischen Gemütslage und ihrer geistesgeschichtlichen Herkunft. Doch gemessen am Ton, der George W. Bush von seinen Kritikern im eigenen Land entgegenschlägt, gemessen an den polemischen Fähigkeiten Susan Sontags, grenzte ihre Rede an eine Liebeserklärung: Der gemeinsame geistige und politische Fundus Europas und Amerikas sei noch längst nicht aufgebraucht, sondern erneuere sich auch am Quell der Literatur. Aus ihr schöpft Sontag die "melancholische Tugend der Toleranz".

So weit, so gut. Auffällig war indes die Abwesenheit des Bundespräsidenten und all jener Berliner Kabinettsmitglieder, die in den früheren Jahren in der ersten Reihe der Paulskirche saßen. Otto Schily zum Beispiel, jener intellektuelle Grenzgänger zwischen Fundamentalopposition und Konservatismus, sagte in allerletzter Minute ab. Joschka Fischer hatte schon vor Monaten keine freie Minute am 12. Oktober. So blieb es der Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss, vorbehalten, die inzwischen versiegende Empfindsamkeit der Regierung für unangepasstes Gedankengut zu repräsentieren.

Und ihre politisch mächtigeren Kollegen, wovor hatten sie Angst? Vielleicht hatten sie Susan Sontags intellektuell folgenreiche Studien über das Wesen der Fotografie gelesen? Vielleicht fürchteten sie das unvermeidliche Bild an der Seite der Bush-Kritikerin Sontag in der New York Times? Vielleicht hatten sie den Wink des amerikanischen Botschafters verstanden? Politik ist unter anderem ein täglicher Kampf um das schönste Symbol. Die Auswahl des passenden Orts – ob im Überschwemmungsgebiet der Elbe oder bei der Truppe in Kabul – ist Teil der medialen Inszenierung von Macht. Kritische Gedanken lassen sich nicht fotografieren. Das spricht gegen ihre Nützlichkeit im politischen Geschäft. Warum sich also mit einer ihrer Urheberinnen ablichten lassen, die nicht in der Gnade des Weißen Hauses steht?

Immerhin: Wolfgang Schäuble war am Sonntag da, ein Mann mit Rückgrat, ein Leser.