In einer Welt, in der man sich ständig entscheiden muss – zwischen Klingeltönen, rechtsdrehenden Jogurtsorten und den Tarifen der Deutschen Bahn –, ist Levanzo das Paradies. Denn der Urlaub auf der kleinsten der Ägadischen Inseln bedeutet nicht nur blaugrünes Meer und flamingofarbenen Himmel, sondern auch vollständige Freiheit von Entscheidungen. Lediglich beim Betreten der Insel müssen zwei Bekenntnisse abgegeben werden. Erstens: Ob man sich zum Paradiso bekennt, der Pension über der Hafenmole, oder zur Konkurrenz, der Pension Dei Fenici, die sich nur wenige Meter über dem Paradiso befindet. Zweitens: Ob man seinen morgendlichen Cappuccino in der Bar Arcobaleno über dem Hafen einzunehmen gedenkt oder bei der Konkurrenz, der Bar Romano, die sich nur wenige Meter davon entfernt befindet.

Weder zwischen den beiden Pensionen noch zwischen den beiden Bars besteht ein nennenswerter Unterschied – alle verfügen über die gleiche Aussicht über das Meer, die gleichen Plastikstapelstühle und die gleichen Aperitifs. Aber es geht hier nicht um Unterschiede, sondern um den wahren Glauben. Die Bekenntnisse sind so bindend wie eine Konfessionszugehörigkeit. Wer an die Pension Paradiso glaubt, hält seinen Blick auf das tintenblaue Meer für einzigartig und die Spaghetti mit Tunfischrogen für sensationell. Nie käme er auf die verwegene Idee, bei der Konkurrenz zu Abend zu essen. Und kein Gast der Bar Arcobaleno würde sich je dazu versteigen, in der Bar Romano einen Espresso zu trinken.

Hat man sich erst bekannt, lebt es sich leicht auf Levanzo. Denn hier besteht die Welt nur als einfache Ausführung: eine Straße, ein Lebensmittelladen, eine Boutique, eine Sehenswürdigkeit. Die Boutique befriedigt dringende Bedürfnisse nach tönernen Duftlampen und indischen Seidenschals. Und die Grotta del Genovese übt ihr Sehenswürdigkeitsmonopol mit altsteinzeitlichen Höhlenzeichnungen aus, die den südfranzösischen bei weitem überlegen sein sollen.

Das glasklare Meer sieht aus wie von unten beleuchtet

In ihrer Kargheit sehen die drei Ägadischen Inseln aus, als habe sie ein Zyklop vor der sizilianischen Küste ins Meer geworfen – genau an die Stelle, wo Afrikanisches und Tyrrhenisches Meer ineinander fließen. Levanzo, Favignana und Marettimo sind felsige Eilande – das flach gedrückte Levanzo, das lang gestreckte Favignana, das in den Himmel strebende Marettimo – drei arabische Dörfer vor Sizilien. Phönizier, Griechen und Römer, Goten und Normannen, Aragonesen, Habsburger und Bourbonen – sie alle kamen und gingen, ohne nennenswerte Spuren zu hinterlassen. Einzig die Araber hinterließen unübersehbar ihr Erbe. Die Häuser schauen noch heute so aus, als seien sie eigentlich für den Orient bestimmt gewesen und nur durch Zufall hier gelandet: blendend weiße Würfel, schmale Fenster und türkisblaue Fensterläden – hinter denen man Schattenrisse bemerkt, die sofort verschwinden, wenn man länger hinschaut.

Im Winter wohnen auf Levanzo nur 90 Menschen, im Sommer 200. Man lebt von einem Tourismus, der sich weitgehend auf Juli und August beschränkt, die Monate, in denen Italien Urlaub macht. Denn anders als die bei Deutschen beliebten Äolischen Inseln werden die Ägadischen Inseln vor allem von Italienern besucht. Wobei auf Levanzo bereits der Norditaliener fremdländisch anmutet: Ausländer? Ja, die gebe es auch, heißt es im Dorf, neuerdings hätten sich hier ein paar Bergamasker ein Haus gekauft.

Die Tage auf Levanzo gehorchen ihrem eigenen Rhythmus. Wie über ein gepflegtes Parkett gleitet man jeden Morgen über den Lungomare zur Bar, trinkt caffè , isst ein cornetto , liest die Zeitungen, blickt auf die Nachbarinsel Favignana gegenüber, auf das glasklare Meer, das aussieht, wie von unten beleuchtet, auf die ankommenden Tragflügelboote, und beginnt sich die Gesichter zu merken. Das Indianergesicht von Salvatore, der in den Sommermonaten in seinem Fischerboot Touristen um die Inseln fährt. Die blassen Gesichter des norditalienischen Paares, das mindestens seit drei Tagen nicht miteinander spricht. Das Habichtsgesicht von Nene, dem Koch, der einst kam, um auf Levanzo zu jagen. Was angesichts der felsigen Insel unwirklich klingt, wird in dem kleinen Kiefernwäldchen der Insel tatsächlich praktiziert: Noch heute schwärmt Nene von der Jagd, die auf Levanzo mangels richtigen Wilds im Wesentlichen daraus besteht, Kaninchen aufzulauern und Zugvögel zu schießen, die in dem Kiefernwald auf dem Weg nach Afrika Rast machen. Jetzt kocht Nene im Paradiso, keine Zugvögel, was er bedauert, sondern Pesto Trapanese aus Tomaten, Mandeln und Knoblauch. Und schließlich merkt man sich noch das Grillengesicht von Mimmo, dem Besitzer des Hotels Paradiso. Mimmos Augen sind hinter einer blaugrün schillernden Sonnenbrille verborgen, was ihn seltsam insektenhaft wirken lässt. Eine Grille im karierten Hemd, die mit einem harsch gebrummten Ciao grüßt. Mimmos Gruß schwankt zwischen inselhafter Verschlossenheit und halb ermatteter Geschäftstüchtigkeit. Mimmo, so heißt es entschuldigend auf Levanzo, sei eben Mimmo. Der Sommer liegt hinter ihm. Das Geschäft ist gemacht.

Eines der Gesichter, die auf Levanzo besonders auffallen, ist das einer blonden, blauäugigen Frau – der Deutschen Claudia Schönfelder, die vor 21 Jahren auf die Insel kam. Ihr Norddeutsch klingt, als habe sie Hamburg erst gestern verlassen. Sie kam als Studentin, um mit zwei Kommilitoninnen die Diplomarbeit in Psychologie abzuschließen. Thema: Introspektion und Gruppendynamik – wofür Levanzo offenbar die idealen Laborbedingungen bietet. Sie kam, und sie blieb. Heute lebt sie mit Salvatore, dem Fischer, zusammen, hat zwei Kinder und betreibt eine Praxis für Psychotherapie im nahen Trapani an der Westküste Siziliens. Inzwischen versucht sich auch die sizilianische Gesellschaft der Einsicht in die Seele zu öffnen.