Claude Simon ist neulich, letzten Freitag, 90 geworden, es ist schön, dass wir einen solchen Mann noch unter uns haben, und die Lust, diese Welt zu bewohnen, wie immer sie aussehen mag (nicht immer sehr wohnlich, auch bei ihm), ist doch groß, wenn Leute wie er mitformen an ihrem Bild. Einige von uns jedenfalls denken so, denn heißt es nicht immer wieder, und jetzt schon seit 50 Jahren, und da hat natürlich auch der Nobelpreis damals, 1985, nichts geändert, Simons Bücher seien schwer zu lesen? Doch, so heißt es immer wieder, und vor allem: Es stimmt, seine Bücher sind schwer zu lesen.

Man sollte, das glaube ich immer mehr, vor die Bücher solcher Autoren warnende Tafeln stellen, man sollte den Leuten sagen, dass sie lieber doch was anderes lesen, es gibt so viele Kanons, das reicht fürs Leben, man sollte abraten von Büchern, die notorisch schwer zu lesen sind. Ich glaube, man muss damit aufhören, dass man solche Autoren und Bücher anpreist; man muss Bücher verschweigen, so wie man früher die Liebe (einiges an ihr) oder Mysterien denen verschwiegen hat, die doch nichts davon gehabt hätten. Die Leute sollen ruhig wissen, dass es da, für ein paar tausend unter uns, Dinge gibt, die etwas anderes sind, als was sie sonst für schön und begehrenswert halten, und dass diese Dinge überhaupt nicht einfach so mir nichts, dir nichts zu haben sind.

Sonst sind alle Bücher von Simon, finde ich, gleich lesenswert, was aber die Themen angeht, die ihn immer wieder bewegt haben, so ist eines der seinem Leben am nähesten stehenden Bücher, Die Straße in Flandern, ein fast noch, für seine Verhältnisse, romanhaftes Werk aus dem Jahre 1960. Simons Vater ist 1914 in Flandern gefallen, er selbst wäre das beinahe 1940, geriet dann aber, ohne auch nur einen einzigen Schuss abgegeben zu haben, in deutsche Gefangenschaft. Er sah aber kurz vorher noch, nachdem seine Schwadron, er war Kavallerist, wohl durch irgendwelches Ungeschick der Führung im Nichts verschwunden war, wie einer dieser führenden Offiziere auf eine beinahe absurde Weise zu Tode kam; auf eine so absurde Weise, dass, je öfter dieser Tod dann in den späteren Werken Simons wieder vorkommt, der Mann, der da stirbt, immer deutlicher wahnhafte Züge hat.

Hier, in diesem Buch, hat dieser Offizier, abgesehen vom Verlust seiner Leute, beinahe noch so etwas wie zivile, romanhafte Motive für den Tod, denn seine allzu junge Frau hat ihn deutlich mit seinem Jockey betrogen, einem Gassenstrolchtyp, den er jetzt als seinen Burschen mit ins Feld genommen hat. Diese Geschichte gibt auch, in Soldatengesprächen mit dem Strolch etwa, gute Gelegenheit für einige erotische Passagen, in denen Simon, hier wie anderswo, wie fast immer, einer der ganz Großen ist. Ich sage das nicht, um dieses Buch oder auch die andern verlockend zu machen, sie bleiben schwer zu lesen, und die erotischen Passagen sind erstens nicht leicht zu finden, und die meisten werden dann auch wenig davon haben, gesetzt, sie finden sie. In einer dieser Szenen zum Beispiel schläft der gelegentliche Erzähler des Buchs dann später mit jener allzu jungen Frau seines Schwadronchefs und erzählt ihr vom Krieg oder von der Gefangenschaft in Sachsen.

Ausführlich geschildert wird das große Pferderennen, im Frieden noch, das jener dann wahnsinnig Werdende oder ehe er stirbt Gewordene unbedingt selber reiten will, obwohl er diesen Jockey hat, vielleicht weil er denkt, so kriegt er die Frau wieder, aber natürlich gewinnt er nicht, vermutlich will er das auch schon nicht mehr. Und dann gibt es da in der Familie des gelegentlichen Erzählers (der übrigens mit dem Verrückten verwandt und überhaupt irgendwie Simon selbst ist) einen Vorfahren, der vielleicht eines Tages, als er aus irgendeiner Schlacht nach Haus kam, seine junge Frau mit dem Pferdeknecht fand und sich daraufhin erschoss, sogar hat er auf seinem Porträt in dem Haus, in dem der Erzähler groß geworden ist, einen Riss im Kopf.

Und so weiter. Ich will dieses Buch wirklich nicht anpreisen, es ist ein wunderbares Buch, aber es ist nicht leicht zu lesen, wirklich nicht. Die Eingeweihten hatten es mittlerweile, es war deutsch schon 1961 erschienen, restlos aufgekauft, jetzt hat DuMont die Rechte daran und hat es, wie unlängst den Roman Der Wind (1959), neu übersetzen lassen, pünktlich zum Geburtstag. Übersetzt hat es, wie jenen Wind, Eva Moldenhauer, sie erinnert am Ende des Buchs an Elmar Tophoven, von dem sie viel gelernt habe; von Tophoven war die Übersetzung, an deren Stelle nun ihre getreten ist, und vergleicht man sie, so haben es die alten Leser gut gehabt, und die neuen haben es auch gut, die wenigen, die zu den Glücklichen gehören.

 

π Claude Simon: Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. DuMont, Köln 2003: 332 Seiten, geb. 24, 90 ¤