Hans-Joachim Gelberg, sein kongenialer Lektor und Verleger, vermutet, dass er wohl an die achtzig Bücher geschrieben habe: der Dichter Josef Guggenmos. Nun ist er, 81 Jahre alt, gestorben, und nur wenige haben es zur Kenntnis genommen. Das wundert kaum, denn er war ein Dichter für die Kinder, und Kinder kommen in der Zeitung meist nur alle paar Wochen in Reservaten wie diesem vor. Schade, denn er war, natürlich, immer zugleich ein Dichter für die Erwachsenen, und was für einer! Wie denn auch sonst ließe sich erklären, dass sein Buch von 1967 – Was denkt die Maus am Donnerstag? – zwanzigmal hat neu aufgelegt werden müssen? Und die Beliebtheit aller anderen Bücher, darunter die 123 Gedichte für Kinder, Gorilla, ärgere dich nicht!, Gugummer geht über den See, Sonne, Mond und Luftballon oder Oh, Verzeihung, sagte die Ameise und Katzen kann man alles sagen ?

Danach gefragt, wie viele Kindergedichte er wohl geschrieben habe, sagte er einmal: "fünfhundert werden es gewiß gewesen sein". So viele? Warum? Sein Verleger wusste es: "weil er die Kinder ernst nahm" und seine Arbeit für sie. Denn auch für sie müsse doch "alles zusammenstimmen: das Thema, das Spiel der Vokale (es geht nicht nur um den Reim), der immer neu zu findende Rhythmus". Wen wundert’s, dass er sich zeitlebens als ein "Handwerker im alten Sinn" verstanden hatte. Er schrieb mit der Hand, tippte es auf einer Schreibmaschine, brachte es zur Post.

Geboren am 2. Juni 1922 in Irsee, einem Dorf im Allgäu – wo er mit vierzig Jahren wieder in sein Geburtshaus zog –, war er zuerst Soldat, hatte nach dem Krieg in Marburg Kunstgeschichte, Germanistik, Archäologie und Indologie studiert, sich aber das Examen geschenkt, weil er "etwas Eigenständiges machen wollte". Zuerst ging er auf ein Jahr nach Finnland, um Land, Leute, die Sprache kennen zu lernen, schlug sich danach als Lektor und Übersetzer hier und da durch, reiste, ließ sich von der Kakteenwüste Arizonas und Namibias Savanne faszinieren, verlor gleichwohl nie die nächste Umgebung aus den Augen, das Große und das Winzige, Pflanzen, Tiere, Menschen, den Himmel – und machte sich Gedanken darüber. Das, was ihm über das einfiel, was ihm auffiel, war der Stoff seiner ebenso gescheiten wie anrührenden Geschichten und Gedichte.

Beim Lesen staunt man oft darüber, in wie vielen Rollen er da brillierte. Er war Erzieher, Zauberer, Gedankenfinder, ein Augenöffner; er war Rätselmann, Selbstverständlichkeitsentdecker, ein ironischer Humorist, ein großer Schalk. Es gibt Gedichte, die man sich einrahmen möchte, schon um der Gedanken willen, die man selber nicht hatte, zum Beispiel: "Manchmal denke ich mir irgendetwas. / Und zum Spaß / denke ich mir jetzt, / ich bin aus Glas." Oder, letzte Strophe aus dem Juniabend: "Um mich glimmernde / Sternchen: Glühwürmchen spielen / Weltall am Waldrand." Oder über den Schiefen Turm zu Pisa: "Und käme da einer, gäb es ihn / von solcher Kraft, und schöb ihn gerade: / Was sagten wir? / Wir klagten: Schade!" Also war er auch ein Konjunktivgenießer – und ein Weiser. Nach dem Pilzesammeln dichtete er: "So kommen wir heim ohne Beute. / Aber schön war’s im Wald! Schön war’s heute!"

Vielleicht sollte man, was er sein Leitbild nannte, auch eine große Kunst nennen: Einfachheit. Wir werden ihn noch oft lesen.