Am Anfang – eine fast leere chamoisweiße Doppelseite; ein kleiner Textblock links oben, eine Figur rechts unten – mehr ist da nicht. Das provozierend große Seitenformat verstärkt das Gefühl der Leere. Doch darum geht es in diesem Bilderbuch: "Am Anfang war das Nichts", so lautet der erste Satz von Bart Moeyaert, der uns seine Schöpfungsgeschichte erzählt. Wie aber stellt man das Nichts bildnerisch dar? "Wenn du den Anfang von allem sehen willst, musst du sehr viel weglassen. Auch deine Mutter." Diesen Satz hat Wolf Erlbruch wörtlich genommen. Alles weglassen, um das Nichts sichtbar zu machen: eine gewagte Idee fürs Bilderbuch, das wir doch gern randvoll und knallbunt haben. Und so kippt auch die Mutter aus dem Bild, samt Milchglas auf Tablett.

Wolf Erlbruch hat die Spannung der freien Bildfläche schon immer genutzt, hat sie einbezogen in die Bildkomposition, hat sie, wie in Die Menschenfresserin (1996; Text von Valérie Dayre), zur offenen Projektionsfläche unserer Fantasien gemacht. Im Nichtzeigen, im Verweigern des Bildes kann eine viel größere Zumutung liegen als in seiner Sichtbarmachung. Sind alle vertrauten Bilder dem Nichts gewichen, kann die Geschichte von der Erschaffung der Erde beginnen. Nur Gott und der Erzähler sitzen sich auf der weißen Bildfläche gegenüber, jeder auf einem kleinen Stühlchen, jeder aus grüngrauem Papier geschnitten – und sie warten. Bart Moeyaert erzählt aus der Perspektive des ersten Menschen, der gespannt darauf ist, dass sich etwas tut, dass sich die Welt ihm endlich zeigt. Es ist ein ungleiches Paar: Gott, der mit seinen Händen ins Nichts hineinmodelliert und so Nacht und Tag, Meer und Land, Pflanzen und Tiere erschafft, und der Mensch, der muffig und skeptisch die Erschaffung der Erde beäugt. Seine Nörgeleien und Versuche, Gottes Kompetenz infrage zu stellen, halten dem Leser den Spiegel vor Augen. "Was willst du eigentlich von mir?", fragt er Gott. "Warum bin ich hier? Zum Beifall klatschen? Um dir gleich einen Blumenstrauß zu überreichen für deine Mühe?"

Bart Moeyaert, 1964 in Brügge geboren, formt seine schmale, doch hoch philosophische Geschichte aus ganz einfachen, poetischen Wörtern. Seine Sprachbilder besitzen die eindringliche Kraft, die wir bereits aus seinen Jugendromanen kennen. Für Bloße Hände erhielt er 1998 den Deutschen Jugendliteraturpreis; Wespennest wurde zum "Luchs" gewählt, sein Küss mich ist noch immer Geheimtipp. Auch hier, im Bilderbuch, entwirft er Sätze von großer Schlichtheit und hoher visueller Anschaulichkeit: Auf die Frage des Menschen, wo denn sein Ort auf dieser Erde sei, lässt Moeyaert Gott – dem als ironisches Zitat eine kleine ovale Scheibe über dem Haupt schwebt – lediglich mit seinen Händen einen Kreis um den Fragenden zeichnen, stellt ihn ins Jetzt, "zwischen der Sonne und dem Mond und den Sternen und den fernsten Fernen dahinter".

Im Bilderbuch hat es bereits mehrere ungewöhnliche Versuche gegeben, die Schöpfungsgeschichte für Kinder zu erzählen, von Helme Heines Samstag im Paradies (Middelhauve 1985) über William Steigs Gelb und Rosa (Gerstenberg 2000) bis zu Friedrich Karl Waechters Die Schöpfung (Diogenes 2002). Moeyaert und Erlbruch erweitern diese Versuche nun mit einer grandiosen Idee: Sie befreien Kopf und Augen des Lesers und Betrachters von vertrauten Vorstellungen, um sie, Satz für Satz, Bild für Bild, zu füllen und dann – am Ende – zum größten Rätsel zurückzukehren: "Am Anfang war das Nichts schon da, aber es war nicht das Nichts von Gott. Das kannst du dir schwer vorstellen. Du musst alles, was es jetzt gibt, weglassen."

Wolf Erlbruch hat sich in Moeyaerts Erzählung von Gott, dem Künstler, der mit seinen Händen aus dem Nichts die Welt erschafft, inspirieren lassen. Die leeren Buchseiten sind seine Welt. Sie füllen sich, zögerlich, mit Farbe und bemalten Papieren. Wie immer arbeitet Erlbruch mit der Collage, macht das Material sichtbar und lebendig: alte Papiere aus Rechenheften und Musterbüchern, doch sind sie sparsamer als sonst verwendet. Zugleich hat er die Wasserfarben entdeckt. In einem der schönsten Bilder dieses Buches blicken wir in eine transparente Pflanzenwelt, in der sich neben Zeichnung und Collage vor allem lasierende Farbflächen ineinander verschlingen. Den "schlampigen Teppich aus Gras und Erde" hat er in ein filigranes Gespinst aus grünem Blattwerk verwandelt. Wolf Erlbruch differenziert hier seinen hoch gelobten und geliebten Stil, er genießt die Leichtigkeit des Bildes. So werden wir auch Zeugen einer zweifachen Schöpfung, ohne dass sich zwischen Bild und Text etwas doppeln würde, denn Moyaert und Erlbruch bilden eine ausgesprochen glückliche Symbiose. Der Illustrator entwickelt ein sicheres Gespür für die verhaltene Ironie der Sprache des Autors, verstärkt sie durch eine spielerische Komik in den Figurenentwürfen und den szenischen Momenten und rückt die existenziellen Fragen so ganz nahe an das Kind heran. Wenn Gott am Ende dem kleinen Adam seine Eva präsentiert, die in leuchtendem Rot und mit wehendem Haar vor ihm posiert, wahren Erlbruch wie Moeyaert die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Humor: "Der Hund zu meinen Füßen sprang auf und wedelte. Das war wohl soviel wie ein erhobener Daumen."

Am Anfang – da stand bei Erlbruch der Kleine Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat (1989, mit dem Text von Werner Holzwarth). Nach jahrelangen Erfolgen hieß es, der Künstler wolle dem Kinderbuch den Rücken zukehren. Nun ist er nach zwei Jahren über Bart Moeyaerts Text wieder zu einem neuen Anfang gekommen, hat sich auf das Nichts eingelassen und dabei alles entdeckt.

π Bart Moeyaert / Wolf Erlbruch (Ill.): Am Anfang Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler; Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2003; 32 S., 16,90 Euro (ab 5 Jahren)