Der Kalauer sei erlaubt: Jürg Schubigers Geschichte vom Wilhelm Tell ist ein Meisterschuss. Doch schon beim viel zitierten Satz von Schiller "Du kennst den Schützen, suche keinen andern" muss man feststellen: Bisher war Schubigers Kunst eine andere. Der Zürcher Therapeut und Schriftsteller hat bisher mit verschmitzt philosophischer Kurzprosa die Möglichkeiten der Kinderliteratur erweitert. Und jetzt diese – für seine Verhältnisse – lange Geschichte.

Der Tell-Stoff ist nicht nur alt, er war immer auch Vehikel für Freiheitsschwärmer und Patrioten. Dass die berühmteste Version über den Schweizer Nationalhelden von einem Ausländer stammt: Ironie! Weil zudem ein Klassiker schrieb, tun Einheimische und Festredner bis heute so, als hätten die alten Eidgenossen in Blankversen geredet. Schubiger dagegen versteckt sein Alemannisch nicht: "Vor vielen hundert Jahren ist auf dem selben Platz der richtige Tell gestanden." Stehen mit sein konjugiert, passt zum Haupterzähler der Rahmengeschichte, dem Großvater. Bei ihm ist sein Enkel, der Ich-Erzähler, im Urlaub. In Altdorf, Ort des Denkmals, Ort beider Handlungsebenen, jetzt und vorher.

Frech und frei sagt der Kleine zu den Wachen bei der Stange: "Der Hut ist also kein Hut, er ist ein Zeichen. Könnte auch ein Hemd, ein Stiefel des Landvogts sein." Die Bewaffneten verstehen nicht, was er meint. Doch sie verstehen, dass er sie hochnimmt. Einer sagt: "Saubande." Ein Wort gibt das andere, Landvogt Gessler kommt dazu, will wissen, was los ist. "Vielleicht", so schaltet sich Schubiger später ein, "vielleicht hatte er auch wirklich Mühe mit dem Urner Dialekt."

Sprachreflexion ist ansonsten nicht Thema der Geschichte, doch Praxis des Autors. Im Kontrast zu Walter, dem selbstbewussten Hinterfrager, ist Tell bei Schubiger fast stumm. Und wenn er spricht, dann nur in alt gefügten Redensarten. Mit diesem Kunstgriff wird der Schütze zum wortkargen Bauern, zur archaischen Existenz; ein Mann, bedächtig im Denken, sicher im Handeln.

Unterschiedliche Register definieren auch die Erzähl- und Zeitebenen, die gelegentlich sehr rasch wechseln. Wenn das Volk nach dem Apfelschuss "wie an einem Fußballmatch schreit", dann transformiert der Großvater das Ereignis für seinen Enkel (und die Lesenden). Und weil der Erzähler davon ausgehen kann, dass die Handlung der Spur nach bekannt ist, schweift er ab, kommentiert und räsoniert. Und so genießt der Autor die Freiheit seiner Konstruktion. Er fügt andere Sagen ein und folgt damit der Tradition, die Tell weitere Anekdoten andichtete. Schiller hat – den Akzent beim Freiheitsthema setzend – Burgenbruch und Bundesschwur in sein Drama gepackt. Schubiger nimmt die Sagen als regionales Gut, als Zeichen eines magischen Weltbildes. Er macht Figuren zu Menschen.

Weit weg ist Schubiger zudem von Max Frisch. Zwar hat der in seinem Wilhelm Tell für die Schule kräftig collagiert, hat Fakten und Fiktion vernetzt und Fußnoten zum Haupttext erhoben. Redliche Aufklärung, aber angestrengtes Mythen-Entlarven. Auch Schubiger nimmt dem Helden das Heroische, jedoch mit einem Erzähler, der im Leben steht, und mit dessen beiläufiger, aber kluger Erzählung, alltäglich und doch voller Interesse für das Besondere. Ohne dass Schubiger ständig ein So-könnte-es-gewesen-sein einfügt, macht er deutlich: Hier wird nicht Wahrheit erzählt, sondern Möglichkeit. So bleibt er auch sich selbst treu, seiner Lust am Denkbaren und Vieldeutigen. Herausgekommen ist ein schlankes Buch, das leicht und ernst dem Helden und den Geschichten über ihn ein anregendes Denk-Mal setzt.