Das war kein Familientreffen mehr, sondern ein richtiges Freudenfest. Braun gebrannt und gut gelaunt klopften sich Kanzler und Staatspräsident auf die Schultern, als sie Ende September in Berlin ihre milliardenschwere europäische Wachstumsinitiative beschlossen. Doch während Schröder und Chirac wirtschaftspolitisch auf einer Linie liegen, ist unter den Ökonomen in Deutschland und Frankreich von grenzüberschreitenden Gemeinsamkeiten wenig zu spüren. "Ich verstehe meine deutschen Kollegen nicht", klagt Wirtschaftsprofessor Elie Cohen von der Elitehochschule Sciences Po in Paris. "Die glauben einfach nicht mehr, dass man mit einer guten Wirtschaftspolitik das Wachstum stimulieren kann." Für Cohen ist die Entfremdung von den Deutschen mittlerweile so groß wie die von den Engländern, die sich schon seit Jahrzehnten von einer aktiven Haushalts- und Geldpolitik verabschiedet hätten. "Bald sind in Europa nur noch die Franzosen übrig, die vom Wert einer makroökonomischen Steuerung überzeugt sind."

Typisch Frankreich, heißt es dagegen in Deutschland. Einst waren da die drei Jahrzehnte dirigistischer Planwirtschaft, die trente glorieuses von 1944 an, in denen Charles de Gaulle das halb agrarische Land zu Spitzenleistungen in der Luftfahrt, Atomkraft, Kommunikations- und Verkehrstechnik hochpeitschte. Noch heute, so das deutsche Vorurteil, favorisiere Frankreich eine Industriepolitik in Form öffentlich gesteuerter Investitionen. Weil solche Umtriebe auf nationalem Territorium gegen EU-Regeln verstießen, wollten die Franzosen ihre Staatsprogramme jetzt mithilfe der Deutschen auf gesamteuropäischer Ebene durchboxen.

In der Tat unterscheiden sich Frankreichs ökonomische Denkschulen von denen der Nachbarn, aber anders als vermutet. Längst dient nicht mehr Colbert, der Intendant der Fabriken und Finanzen unter Ludwig XIV., als Vorbild, sondern Amerika: "Nicht wir Franzosen sind die überzeugtesten Anhänger des Keynesianismus," ärgert sich Cohen. "Das Land, welches das Wachstum durch eine expansive Haushalts- und Geldpolitik am stärksten steuert und dabei die besten Erfolge bei der Steigerung des Konsums hat, ist die USA."

Lernen von Amerika? Für Jean-Paul Fitoussi vom Observatoire Français des Conjonctures Économiques haben die Vereinigten Staaten ein Kunststück fertiggebracht: "Amerika ist der weltweit größte Produzent der liberalen Doktrin, allerdings nur für den auswärtigen Gebrauch." Zu Hause würden die USA mit einer forcierten Industrie- und Subventionspolitik sowie Riesendefiziten und Niedrigzinsen die makroökonomische Konjunktursteuerung weiter treiben, als Keynes es sich jemals erträumt hätte.

So ist auch Anton Brender, Chefökonom des Finanzkonzerns Dexia, keineswegs verwundert, wenn er in Amerika regelmäßig gelaunte Kollegen antrifft: "Die Ökonomen strotzen geradezu vor Optimismus," sagt Brender. "Denen sind Staatsschulden, negative Handelsbilanzen und Dollarschwäche gleichgültig, solange Wachstum und Arbeitsmarkt stimmen." Anders als die Europäer hätten die Amerikaner erkannt, dass die Rolle des Staates vor allem darin besteht, die Attraktivität des Standortes zu sichern – und obendrein alles zu tun, um mit Steuersenkungen die heimische Nachfrage zu stärken.

Demgegenüber sind Europa die Hände gebunden. Die Wirtschafts- und Steuerpolitik stößt beständig gegen das Korsett des Stabilitätspaktes. Für dessen Regelwerk kennen französische Ökonomen nur die absurdesten Metaphern: Er sei ein Fahrzeug mit Bremsen, aber ohne Gaspedal (Brender), ein Autopilot, der nur auf Meldungen aus dem Rückspiegel reagiere (Fitoussi) – eben ein prozyklisches Instrument, das bestehende Schieflagen nur verstärke.

Für die wirtschaftspolitische Steuerung nach amerikanischem Muster kennen die Franzosen eine klingende Bezeichnung: gouvernement économique , die europäische Wirtschaftsregierung. Bereits 1993 hatte sie EU-Kommissionspräsident Delors zur Euro-Einführung gefordert, und jüngst griff Außenminister Dominique de Villepin das Zauberwort auf: Er möchte den EU-Rat der Finanzminister (Ecofin) zu einem Gremium umbauen, das nicht nur für Haushaltsdisziplin, sondern vor allem für Wachstum und Beschäftigung sorgt – und damit Europas Wirtschaft wieder in Reichweite politischer Gestaltung bringt.