Etwas an diesem Buch steht quer, liegt schief, sitzt nicht. Es soll von Außenpolitik handeln, treibt aber unter der Hand Kulturkritik, und zwar eine merkwürdig unfrische. Scheitert der Westen? - das meint das atlantische Bündnis, fast mehr noch aber die europäisch-amerikanische Lebensform und -philosophie, die in den neunziger Jahren superkapitalistisch durchgedreht war, mit Börsen-Hype und Internet-Euphorie. Der 11. September 2001 ist dann eine schreckliche Quittung für Wirtschaftsglauben und Politikvergessenheit gewesen, eine Erinnerung daran, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt und dass nicht alle Welt nach unserem Vorbild glücklich werden will. Im Terrorismus erkennt Schäuble eine "Kulturverteidigungshaltung aus einer Opferrolle heraus, die am Ende die Selbstmordattentäter zunächst im Nahen Osten und schließlich im Zentrum der Globalisierung, in New York City, agieren ließ".

"Maßlose Märkte", fährt er fort, "können genauso gnadenlos sein wie maßlose Freiheit." Natürlich - aber diese Attac-Banalität soll den Schlüssel zum militanten Islam liefern? Und sind Marktexzesse das brennende Thema in der Bundesrepublik des Herbstes 2003, die sich eben ein bisschen aus ihrer Wohlfahrtsstaatlichkeit freizugraben beginnt nach unseren wahrlich nicht neoliberalen neunziger Jahren unter Kohl? Irgendwie schwarz-grün klingt das alles, und vielleicht hat Schäuble auch deshalb sein Buch von Joschka Fischer vorstellen lassen - aber schwarz-grün ist der Sozi- und Fortschrittsfreund Fischer nun überhaupt nicht, und Angela Merkel trimmt ihre CDU gerade in Richtung Liberalismus, weg von ökokonservativen Bedenklichkeiten. Wolfgang Schäubles Ansatz wirkt politisch ortlos.

Schäuble, der Schröders Irak-Politik als bündnisschädlich bekämpft hat, ist kulturell "altes Europa" und proamerikanisch weniger aus Nähe als aus Staatsräson - und Faszination. Nicht weil Amerika und Europa so ähnlich wären, gehören sie zusammen, sondern weil sie bei aller Urverwandtschaft und Grundübereinstimmung charakteristisch verschieden sind und einander ergänzen: hier Toleranz und Geduld, die bitter erworbenen Lehren aus einer langen Geschichte auf engem Raum, dort der can do spirit einer zugleich idealistischen und unangekränkelt machtbewussten Nation. Es geht um Komplementarität und Arbeitsteilung, nicht einfach um "gemeinsame Werte", ebenso wenig um den sterilen Gegensatz von "power" und "weakness", wie ihn Robert Kagan aufgemacht hat. Die Vereinigten Staaten und Europa sind nicht Mars und Venus, eher schon Daddy und Mama. Schäuble, der in solchen Dingen gern etwas provoziert, möchte wie die Amerikaner das Völkerrecht weiterentwickeln, sogar für Präventivschläge gegen Schurkenstaaten - als Jurist und Alteuropäer weiß er, dass auch ein erneuertes Völkerrecht Recht sein muss, kein Freibrief für den Stärkeren oder moralisch Besseren.

Was am Ende unbefriedigt lässt, ist Schäubles Unentschiedenheit bei den Konstruktionsproblemen der "neuen Weltordnung", in der er Deutschlands Ort bestimmen will. Der Hang zur Kulturkritik treibt ihn in Richtung Multipolarität - Chinesen oder Muslime können ja so Unrecht nicht haben, wenn sie statt Individualismus-Importen aus dem entfesselten Westen lieber das Eigene pflegen und bewahren wollen. Das würde auf einen globalen Wertepluralismus hinauslaufen, auf eine Art Mächtekonzert der Zivilisationen.

Aber dafür ist Schäuble wieder nicht Relativist und Amerika-Skeptiker genug - sein Bekenntnis zu den Kulturen schließt das zur eigenen, atlantischen, westlichen ohne schlechtes Gewissen mit ein, und die ist nun einmal in ihrem Anspruch universal. Der Widerspruch bleibt unaufgelöst, ähnlich wie in Schäubles Gesellschaftsbild, wo auch das Lob des innovativen Wettbewerbs und das Hohelied der hergebrachten Tugenden recht unverbunden nebeneinander stehen. In der Politik kann es von Weisheit zeugen, solche letzten Fragen nicht zu stellen und zu beantworten. In Büchern fällt es störend auf.

Wolfgang Schäuble: Scheitert der Westen?

Deutschland und die neue Weltordnung - Bertelsmann Verlag, München 2003 - 272 S., 21,90 e