So wird er wohl aussehen, der Action-Albtraum, in dem sich das Kino nächtens schweißgebadet wälzt. Quentin Tarantinos neuer Film Kill Bill, erster Teil, ist ein cineastisches Delirium, versponnen in die Selbstbezüglichkeit des Mediums, eine hemmungslose Nummernrevue, die sich aus den Videoregalen der letzten Jahrzehnte ihre Kampf-Fantasien zusammengrapscht. Schon bei ihrem ersten Auftritt scheint Uma Thurman, die schlacksige Rächerin im gelben Kampfanzug, eine ganze Schleppe aus B-Movie-Bildern hinter sich herzuziehen. Thurman, "the bride", die von ihrer Gang verratene Auftragsmörderin, wird sich mit ihrem Samurai-Schwert eine Schneise durch diesen Film hacken, wird Hunderte Gliedmaßen abtrennen, Köpfe kullern und meterhohe Blutfontänen zischen lassen.

Kill Bill ist eine Jungsfantasie im Frauenkostüm, und doch bleibt Quentin Tarantino selbst in diesem vermeintlich zynischsten, abgebrühtesten Film seiner Karriere letztlich ein Moralist. Seine kalte Fingerübung im Spiegelkabinett des Action-Kinos wird zusammengehalten von der seelischen und körperlichen Verletzung der Heldin: Am Tage ihrer Hochzeit wurde die Hochschwangere von ihren Gang-Mitgliedern verraten und niedergeschossen. Genau hier unterscheidet sich Kill Bill vom herkömmlichen Rachefilm, der seinen Helden ja auch das Schlimmste antut, um jenseits jeder Moral der unbekümmerten Vergeltung zu frönen. In Kill Bill schwebt die erste Einstellung, Thurmans in Panik und Todesangst verzerrtes Gesicht, gewissermaßen als kursiv gedrucktes Motto über all den seriellen Metzeleien, die da kommen mögen. Die Seelenqual der von der eigenen Rache durch die B-Movie-Geschichte getriebenen Heldin wird bei Tarantino zum traumatischen Rest, zum Störfaktor inmitten all der Stilisierungen und filmischen Simulacren. In Interviews (ZEIT Nr. 42/03) mag der Regisseur das kinoversessene, in virtuellen Welten schwebende Raubein markieren, aber sein Blick auf Thurman ist mitfühlend, ja liebevoll – man muss sich nur anschauen, mit welcher Zärtlichkeit er ihren großen Zeh filmt. So sucht Tarantino, the movie kid, in den Kampfszenen und Zitatgeflechten von Kill Bill den reinen, staubfreien Kinoraum, während seine buchstäblich entwaffnende Heldin das reichlich präpotente Action-Konstrukt fortwährend mit ihrer Menschlichkeit vermasselt. Manchmal scheint es, als sehne sich die erschöpfte Kämpferin danach, zwischen abgehackten Köpfen das Samurai-Schwert niederzulegen, auf einen Kaffee innezuhalten und einen der legendären Jackie Brown -Dialoge zu beginnen: "Wie denken Sie über Freundschaft, Max?"

Allein während der paar Momente, in denen Uma Thurman zur Ruhe kommt, zeigt sich, dass Tarantino härter tut, als er ist, und weicher erzählt, als er sein will. So entpuppt sich Kill Bill als Psychoskizze eines Pop-Wunderkindes, als durchaus interessant gescheitertes Großprojekt eines spätpubertären Genies, das es allen zeigen will und doch vor allem ein Werk über die eigene Widersprüchlichkeit gedreht hat. Das ergibt zwar noch keinen guten Film, aber irgendwie hat es auch etwas Beruhigendes, dass es noch Regisseure gibt, die acht Monate Dreharbeiten und 55 Millionen Dollar geschenkt bekommen, um sich auf solche innerfilmischen Selbstfindungswege zu begeben.