"Runter vom Sofa, raus aus der komfortablen Stadt, klettern, bis ich an meine Grenzen komme, und den anderen zeigen, was ich draufhabe!" Die 22-jährige Verena Köhne hat vor fünf Jahren die Berge für sich entdeckt. Seitdem fährt sie mindestens einmal im Jahr ins österreichische Lechtal. Die Alpen sind bei jungen Leuten nicht mehr nur als Ski- und Snowboard-Region beliebt: Kletterferien in den Bergen sind in. "Wir beobachten ein enormes Interesse, besonders im Bereich Sportklettern", sagt Wolfgang Wahl, Referent bei der Jugend des Deutschen Alpenvereins (JDAV). Auf sich gestellt, Kälte, Sonne und Fels mit den eigenen Sinnen zu begreifen und Abenteuer intensiv zu erleben scheint dem Lebensgefühl der Jugend entgegenzukommen.

Während kirchliche Gruppen, politische Organisationen oder Sportvereine über Nachwuchssorgen klagen, freut sich der JDAV über einen Mitgliederzuwachs von bis zu 8,5 Prozent jährlich. Referent Wahl glaubt, dass diese Zahl auch das wachsende Interesse außerhalb des Deutschen Alpenvereins widerspiegelt. Der Bergsport erlebt seit etwa zehn Jahren eine Entwicklung, die andere Sportarten schon vorher durchgemacht haben. Eine Studie des Instituts für Sportsoziologie der Sporthochschule Köln beschreibt dies als eine "Ausdifferenzierung neuer Sportmodelle". Konkret: Ging man früher schlicht Skifahren, so beherrschen längst Snowboard, Carving-Ski oder andere Sportgeräte die Szene. Eine vergleichbare Entwicklung holt die Bergsteigergilde derzeit nach. Auch der stellvertretende Geschäftsführer des Tourismusverbandes Allgäu/Bayerisch Schwaben, Rolf Dehner, bestätigt die steigende Zahl der bergbegeisterten Jugendlichen. Vor allem Kletterwände und Klettersteige seien sehr gefragt.

Den Drang in die Höhe haben zum großen Teil die Kletterhallen ausgelöst, die sich mittlerweile in allen Ballungsräumen des Bundesgebietes finden. Nach einiger Zeit wollen die Jugendlichen aus den Hallen in den Fels. Dort finden sie, "als Akteure eines Trendsports", so die Studie der Sporthochschule Köln, "Bestätigung im Erleben und Genuss der eigenen Subjektivität, Steigerungsformen der Selbstthematisierung sowie äußere Signale der Reizverstärkung". Verena Köhne bringt die wissenschaftlichen Ausführungen auf den Punkt: "Das erste Mal draußen klettern, das war schon klasse. Und der totale Kick war es dann, mit verbundenen Augen an eine Felswand zu gehen."

Die Gemeindejugendgruppe, die mit einem Gitarrenspieler voran durch die Allgäuer Alpen wandert, ist nach wie vor anzutreffen. Doch Rolf Dehner hat beobachtet, dass die Jungen weniger organisiert als früher reisen; spontane Touren und kleine Gruppen seien häufiger. Seine Einschätzung nach zahlreichen Gesprächen mit Bergbahnbetreibern und Hüttenwirten: "Bis vor einigen Jahren kamen die jungen Leute vor allem zum Mountainbiking in die Alpen. Dieser Reiz des Neuen ist etwas verklungen. Jetzt wird das Naturerlebnis wieder attraktiver."

Besonders schätzen Jugendliche Klettercamps. Auch Touren durch Wasserfälle werden immer beliebter. Die ersten Veranstalter nutzen den Trend. So bietet der Jugendreisespezialist Ruf-Reisen in einem Wintersportclub im österreichischen Kitzbühel mittlerweile auch im Sommer ein umfangreiches Sportangebot. Das bundesweit größte Programm für Jugendliche, die hoch hinaus wollen, bietet aber nach wie vor der JDAV.

Das Jugendreferat des Deutschen Alpenvereins (DAV) bietet Eis-, Hochtouren- und Skitourenkurse für junge Leute an. Ähnliche Programme machen auch der Österreichische und der Schweizer Alpenverein. Auskunft: www.jdav.de , Tel. 089/140030, www.alpenverein.at , Tel. 0043-512/5954713, www.sac-cas.ch , Tel. 0041-31/3701818