Die Zinsen . Ob Konzern oder Kramladen – wer investieren will, muss meist Kredite aufnehmen, und Kredite kosten Zinsen. Seit Mai 2001 hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen siebenmal gesenkt. Anders als in der Wirtschaftskrise Anfang der Achtziger können die Unternehmen heute relativ billig Geld leihen. Theoretisch sollte das als eine Art ökonomisches Aufputschmittel wirken. Praktisch investieren sie trotzdem kaum.

Die Ursache sieht der Amerikaner Richard Koo, preisgekrönter Chefvolkswirt der Tokyoter Großbank Nomura, in einem neuartigen Phänomen namens Bilanzrezession. Während des Aktienbooms Ende der neunziger Jahre stiegen die Vermögenswerte zahlreicher deutscher Unternehmen massiv an, also die Aktivseite der Bilanz. Entsprechend glaubten sie, auch die Passivseite erhöhen zu können, und nahmen im großen Stil neue Schulden auf, die Bilanz war trotzdem ausgeglichen. Dann krachten die Kurse, die Aktivseite schrumpfte, und seitdem stehen zahlreiche Unternehmen mit riesigen Schulden da.

Inzwischen liegen die Unternehmens-Verbindlichkeiten in Euroland bei rund 60 Prozent des gesamten Volkseinkommens, hat Invesco-Ökonom Krämer ausgerechnet. Vielen Firmen droht der Bankrott. In ihrer Not agieren Konzernlenker und Betriebsmanager anders, als die volkswirtschaftlichen Lehrbücher es vorsehen. "Statt zu investieren und ihren Gewinn zu maximieren, minimieren sie ihre Schulden", sagt Koo. So wie die Deutsche Telekom. Sie verzeichnete vergangenes Jahr Verbindlichkeiten von 65 Milliarden Euro. Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke tritt deshalb auf die Ausgabenbremse. Im vergangenen Jahr reduzierte er die Investitionen um rund ein Drittel, allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres noch einmal um 40 Prozent – und dabei wähnt er sich in guter Gesellschaft. Auch die Konkurrenten scheuten vor neuen Ausgaben zurück, so Ricke vor einigen Wochen bei der Präsentation seiner Halbjahreszahlen.

Tatsächlich ist die Telekommunikationsbranche ein Paradebeispiel für die gesamte deutsche Wirtschaft. Trotz niedriger Zinsen – "die Unternehmen werden auch weiterhin dem Schuldenabbau Priorität geben", erwartet Invesco-Ökonom Krämer.

Schließlich haben sie auch wenig Grund, ihr Heil in höherer Produktion und größeren Umsätzen zu suchen. Denn vielen Unternehmen fehlen schlicht die Kunden.

Die Nachfrage . Ein neuer Anzug, ein neues Handy, zwischendurch mal essen gehen? Während vergangener Rezessionen verhielten sich die Deutschen meist wie Geschenkkäufer vor Weihnachten: Im Kopf hatten sie eine Einkaufsliste, für Nachrichten von Unternehmenspleiten und steigender Arbeitslosigkeit war daneben kaum Platz. Kein Wunder. Trotz Krise hatten sie von Jahr zu Jahr mehr Geld zur Verfügung. Die Konsumnachfrage stieg, und deshalb war die Krise auch bald wieder vorbei.