Diesmal ist alles anders. Der private Verbrauch sank. Denn in den vergangenen Jahren haben sich die real verfügbaren Einkommen in Deutschland schwächer entwickelt als je zuvor. Für den neuen Anzug und die neuen Schuhe fehlt vielen Verbrauchern schlicht das Geld. Ökonomen wie Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sehen die Ursache insbesondere am Arbeitsmarkt. Nach Horns Berechnungen haben die hiesigen Unternehmen in einer vergleichbaren wirtschaftlichen Situation nie zuvor so viele Leute entlassen wie in den vergangenen beiden Jahren.

Und das obwohl der deutsche Arbeitsmarkt heute ähnlich stark reguliert ist wie früher.

Der Grund: Während sich die Regierung in Berlin gerade dazu durchringt, hier einen Paragrafen zu streichen oder dort zu ergänzen, hat sich ein Großteil der Unternehmen längst seine eigene Flexibilität geschaffen. Um eine meist gut bezahlte, von strengen Kündigungsgesetzen geschützte Kernbelegschaft haben sie eine dicke Schicht Angestellter zweiter Klasse gelegt: Minijobber, Leiharbeiter, befristet Beschäftigte. Schon etwa 40 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten nicht mehr im so genannten Normalarbeitsverhältnis, hat das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) ermittelt. Für die meisten von ihnen gilt der strenge deutsche Kündigungsschutz nicht oder nur eingeschränkt. Deshalb können die Unternehmen heute schneller und leichter Beschäftigung abbauen. "Der Arbeitsmarkt reagiert inzwischen viel mehr auf konjunkturelle Schwankungen als früher", sagt IAB-Forscher Ulrich Walwei. Die Folge: Arbeitslosigkeit und Einkommen sinken stärker, die Inlandsnachfrage bleibt dauerhaft schwach, den Unternehmen fehlen die Kunden – und damit ein wichtiger Anreiz, neu zu investieren.

Theoretisch könnten sie ihre Autos oder Druckmaschinen auch im Ausland verkaufen. Tatsächlich kommen hiesige Produkte dort zurzeit sogar ziemlich gut an. Im vergangenen Jahr sind die deutschen Exporte viermal so stark gestiegen wie im EU-Durchschnitt. Anfang der Woche verbreitete sich gar die Nachricht, die Republik sei inzwischen wieder Exportweltmeister. Weshalb auch alle Aufschwunghoffnungen darauf bauen, dass sich der Trend fortsetzt, dass Amerikaner, Franzosen und Chinesen die deutsche Wirtschaft ankurbeln. "Doch die Hoffnung auf den Export ist trügerisch", so Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank. Denn anders als noch vor einem Jahr hat die Krise inzwischen die meisten EU-Länder erreicht – die rund 50 Prozent der deutschen Export abnehmen. Dort dürfte die Nachfrage künftig gering ausfallen.

Hinzu kommt, dass die Devisenhändler in New York, London oder Frankfurt derzeit eine folgenschwere Verhaltensweise zeigen: Sie verkaufen Dollar. Entsprechend hat sich der Euro gegenüber der amerikanischen Währung rapide verteuert, allein seit Anfang September um acht Prozent. Das aber bedeutet, dass auch die Preise deutscher Exportgüter steigen und die Unternehmen Marktanteile verlieren, vor allem an US-Konkurrenten.

Als Hauptursache für den abstürzenden Dollar gilt das riesige amerikanische Leistungsbilanzdefizit – die USA geben mehr aus, als sie erwirtschaften. Den Fehlbetrag leihen sich die Amerikaner seit Jahren im Ausland, was nur funktioniert, so lange die dortigen Anleger bereit sind, das nötige Geld zuzuschießen. Wenn nicht, verliert der Dollar an Wert, und der Euro legt zu. Genau das ist jetzt der Fall. Nach Schätzung der Investmentbank Merrill Lynch wird der Euro bis Ende nächsten Jahres um weitere 15 Prozent auf dann 1,33 Dollar steigen. Die Exporte fielen dann als Konjunkturantrieb aus.