Marikje Smid: Hans von Dohnanyi und Christine Bonhoeffer - Eine Ehe im Widerstand - Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002 - 606 S., 69,- e

Spät, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod - er wurde vier Wochen vor der Kapitulation des Reiches im Konzentrationslager Sachsenhausen von SS-Schergen erhängt -, erfährt Hans von Dohnanyi in einer Doppelbiografie mit seiner Frau Christine, der Schwester des großen Dietrich Bonhoeffer, endlich die gerechte Würdigung, die unsere Geschichtsschreibung diesen Schlüsselfiguren des deutschen Widerstandes so lange schuldig geblieben ist.

Marikje Smid - die zuzeiten ihren Pfarrdienst ruhen ließ, um sich ganz der Niederschrift dieses Buches zu widmen - erweist sich in dieser Arbeit als eine gründliche Historikerin, der es gelingen sollte, den Schatten der Verdächtigungen zu vertreiben, die seit dem Bericht des schillernden Hans Bernd Gisevius (1947 unter dem Titel Bis zum bitteren Ende erschienen) das Bild des preußischen Juristen ungarischer Herkunft so hartnäckig verdunkelten: Gerüchte von der Verwicklung in dunkle Geschäfte und von einem nachlässigen Umgang mit konspirativen Papieren, der seinen Mitverschwörern zum Unheil geworden sei, nebelhafte Anschuldigungen, die von seinen nazistischen Verfolgern auch nach dem Krieg aus Gründen des Selbstschutzes aufrechterhalten und vor allem vom Spiegel ohne kritische Prüfung weitergetragen wurden.

Die Autorin rückt in unser Bewusstsein, dass sich die Akteure der deutschen Résistance, sofern sie einem der Machtinstrumente des Staates zugehörten, in einer moralischen Grauzone bewegten: So war der Jurist Dohnanyi - zweifellos "um Schlimmeres zu verhüten" - bis 1938 die rechte Hand des (parteilos-konservativen) Reichsjustizministers Gürtler und von Kriegsbeginn an der eigentliche politische Kopf an der Seite des Stabschefs der Abwehr General Hans Oster, der die äußerste Konsequenz des Kampf es gegen die Diktatur, den so genannten Landesverrat, auf sich nahm - und überdies für die Rettung jüdischer Freunde zusammen mit Dohnanyi Kopf und Kragen riskierte.

Dass Dohnanyi dennoch bis heute ein Platz unter den "Gerechten der Völker" in Jad Vaschem verweigert wird, erklärt sich vermutlich durch die Unterschlagung eines jüdischen Großvaters, der aus dem "Ariernachweis" fortretuschiert werden musste.

Das Verdienst der Theologin Marikje Smid ist die Schilderung der intensiven geistigen und ethischen Partnerschaft von Hans und Christine Dohnanyi, in vielen Zitaten aus ihren Briefen fast von Kindertagen an belegt: beide tief im Reichtum der Religiosität verwurzelt, die sie mit dem Schwager und Bruder Dietrich Bonhoeffer verband, der am gleichen Tag wie Hans von Dohnanyi im KZ Flossenbürg ermordet wurde: eine Familie der Märtyrer. So ist dieser Band - ohne literarischen Ehrgeiz, doch (das ist wichtiger) mit dem ernsten Bemühen um Wahrhaftigkeit geschrieben - auch das bewegende Zeugnis einer Liebe, die sich im Todesmut bewährte.